Montag, 1. märz 2010 1 01 /03 /2010 19:23
- Community: Laufen
veröffentlicht in: Laufereignisse
Nun bin ich mitten in der Vorbereitung auf mein großes Ziel - dem Rennsteig Supermarathon auf dem Rennsteig am 8. Mai.  Noch sind 68 Tage Zeit bis zur Erfüllung meines großen Traumes.

2 Monat Vorbereitung liegen bereits hinter mir. Mein erster großer Höhepunkt war der Ultramarathon in Rodgau - der aber auf Grund der äußerst schwierigen Bodenverhältnisse für mich nach 35km endete.

Gestern startete ich den 2. Versuch - den 50km Ultramarathon von Marburg.  Schon seit Tagen beobachtete ich die Wetterentwicklung. Würde es endlich wärmer werden? Würde endlich der Frost verschwinden?

Meine Erwartungen schienen sich zu erfüllen. Die Temperaturen stabilisierten sich im Plusbereich, der Schnee schmolz. Allerdings so sehr, daß die Lahn über alle Ufer trat und die schöne Lahntalstrecke  völlig überflutete.

Der Veranstalter organisierte jedoch in kürzester Zeit eine Ausweichstrecke, so daß dem Lauf nichts mehr im Wege stand.

Nur der Wetterbericht am Tag zuvor verhieß nichts Gutes. Der angekündigte Regen störte mich nicht, aber der aufkommende Wind würde es uns wohl schwer machen...

Aber getreu dem Motto "Rennsteigläufer sind die Härtesten" dachte ich nicht eine Sekunde daran, den Lauf saußen zu lassen. Ich wollte mich diesen Bedingungen stellen. Auf dem Rennsteig werde ich auch jedes Wetter nehmen müssen, wie es kommt.

Als wir Sonntag früh  losfuhren, regnete es in Strömen. Sichere 10km von zu Hause entfernt fragte ich mich schon, ob ich nicht ein bischen bekloppt bin. Im gleichen Atemzug aber wußte ich: Nichts und niemand kann mich davon abhalten, heute in Marburg zu laufen.
Allerdings ahnte ich zu diesem Zeitpunk nicht wirklich, was uns da erwartete.

Pünktlich in Marburg angekommen, holte ich meine Startnummer und wir trafen auf Franky. Mein Mann und privater Coach begleitete uns zum Start. Immer wieder schaute ich mich im ansehnlichen Starterfeld um, aber Evi konnte ich nicht entdecken. Ob sie noch kommen würde?

Ganz kurz vorm Start fanden wir uns. Das heißt eigentlich sie mich. Weil: ich war blind...
Dabei war sie nicht zu übersehen. Im knallgelben Shirt. Wenn schon die Sonne nicht scheint, dann sollte wenigstens das Sonnenschirt scheinen...

Gemeinsam begaben wir uns auf den Weg. Der Regen hatte längst aufgehört und auch der Wind war gar nicht so stark. Locker liefen wir die ersten Runden und quasselten über Gott und die Welt. Immer wieder trafen wir Franky, Frett, Volker und einige Bekannte von Evi.

Die Ausweichstrecke war nicht so schön wie die Originalstrecke, ringsherum war alles noch trist und grau und die Felder ringsherum voller Wasser. Eine Krähe meldete sich lautstark. Ob sie uns anfeuern wollte?
Doch plötzlich öffnete sich für einen kurzen Moment die Wolkendecke und das Blau des Himmels strahlte auf uns herab. Nur wenige Sekunden, dann war alles wieder grau.

Gleichmäßig liefen wir Runde für Runde 5km, 10km, 15km, 20km... Auf jeder Runde wurden wir lautstark von "unserer" Krähe begrüßt... Unser erster Höhepunkt war das Ende der 5. Runde. Die Hälfte war geschafft. Die 2. viel schwerere Hälfte lag jetzt vor uns.

Der Wind hatte inzwischen stark zugenommen.
Die ersten beiden Kilometer jeder Runde liefen wir auf freiem Feld gegen den Wind. Mittlerweile liefen wir auf diesem Abschnitt nicht mehr neben, sondern hintereinander und gaben uns abwechselnd gegenseitig Winschutz. So konnten wir es uns den Kampf gegen den Strum wenigstens ein bischen erleichtern.

Zu Beginn der 7. Runde bekam Evi muskuläre Problem, so daß sie sich entschied, zum Ende dieser Runde auszuscheiden. Geminsam genossen wir die letzten Kilometer - soweit man noch von Genuß reden konnte...

Allein begab ich mich auf die nächste Runde. Gedanklich habe ich mich bereits zu diesem Zeitpunkt damit abgefunden, auf den Marathon zu verkürzen.
2 km kämpfte ich gegen den  nun orkanartigen Sturm. Meter um Meter ging es nur noch gehender Weise vorwärts. Plötzlich durchschoß mich ein Gedanke, der mich innerlich lachen ließ. Heute wäre es gar nicht so schlecht gewesen, wenn ich ein paar Kilo schwerer wäre....

Aber im Grunde genommen wünsche ich mir das nicht wirklich. Es wird ja nicht jeder Lauf so stürmisch werden...

So ein bischen Galgenhumor half mir über das nächste Stück. Meter für Meter kämpfte ich mich vorwärts. Im Rahmen der Zielzeit ins Ziel zu kommen, war inzwischen illusorisch geworden. Die Entscheidung stand für mich fest. Ich werde nicht die komplette Strecke laufen, sondern auf den Marathon verkürzen. Ich wehrte mich innerlich gegen den Gedanken, daß es  "nur" ein Marathon werden würde...

Mittlerweile war ich wieder auf dem Rückweg der Runde. Der Sturm blies von hinten und trieb mich zu einem Tempo, daß ich kräftemäßig kaum noch verkraften und steuern konnte. Einige Male konnte ich gerade noch einen Sturz vermeiden.

40 Kilometer hatte ich nun in den Beinen. Noch einmal hieß es: Hinaus aufs Feld - noch einmal einen guten Kilometer bis zu Marathonschleife - noch ein Kilometer Kampf gegen den Wind. Ich konnte nicht mehr laufen. Es war kaum noch möglich zu gehen. Auch die anderen wenigen Läufer, die noch auf der Strecke waren, gingen jetzt.  Wir machten uns gegenseitig Mut und ich freute mich immer über ein aufmunterndes Lächeln und gab dies gern zurück.

Auch die fleißigen Helfer an der Strecke gingen an ihre Grenzen, um alle Läufer bis zum Schluß zu versorgen. Ihnen gilt mein ganz besonderer, herzlicher  Dank.

Nach der Marathon-Wendeschleife lief ich noch einmal mit dem Wind, lies mich treiben und freute mich auf das Ziel, wo mein Mann auf mich wartete. Lange hat er dort ausgeharrt, um mich zu unterstützen.

Nach 5:11:31 kam ich ins Ziel - völlig erschöpft, aber megaglücklich. Ich habe trotz der Witterungsverhältnisse einen Marathon gefinisht! So ein ganz klein wenig Wehmut gab es natürlich auch - es war immerhin bereits die 2. verpasste Chance, einen Ultra zu laufen.
Aber ich habe mich wieder an meinen eigenen Schwur erinnert - immer auf meinen Körper zu hören.

Wir gingen zurück zur Turnhalle. Nach einer schönen heißen Dusche und einem lecker Essen gab es dann noch eine Überraschung für mich. Ich hatte in meiner AK Platz 3 belegt und bekam eine Urkunde und eine Medaille. Natürlich muß ich euch dazu sagen, daß es nur 3 Starterinnen in der AK gab. Aber ich habe mich trotzdem gefreut. Ich bin ins Ziel gekommen.

Die Heimfahrt gestaltete sich schwierig. Immer wieder hatten wir das Gefühl, daß Windböen das Auto steuern wollten. Umgestürte Bäume auf Autobahnabfahrten, Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und Polizei kümmerten sich um die Sicherheit der Menschen.
Ich war froh, als wir wohlbehalten zu Hause ankamen.

Heute - ein Tag später und nachdem ich in den Nachrichten das ganze Ausmaß der Zerstörungen des Sturmtiefes Xyntia gesehen habe, sehe ich meinen gestrigen Lauf kritischer.
Was bleibt, ist nicht nur Freude, sondern sind einige Fragen.
Wie weit kann, wie weit soll man gehen im Sport? Hätte ich früher aufhören sollen? Hätte der Veranstalter abbrechen sollen? Auf der Homepage des Veranstalters ist heute zu lesen, daß man nicht abgebrochen habe, weil nur noch relativ wenige Läufer auf der Strecke waren. Aber was wäre gewesen, wenn gerade einem dieser Läufer was passiert wäre?

Heute bin ich froh, daß ich nicht weitergekämpft habe, sondern nach dem Marathon aufgehört habe.
Daß ich "nur" einen Marathon gelaufen bin.




von Petra - empfehlen    
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