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Veröffentlicht von Petra

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Am 20./21. August fand in Berlin aus Anlass des 50. Jahrestages der Errichtung der Mauer ein historisches Laufereignis statt: Der Mauerweglauf, der über 100 Meilen entlang der ehemaligen Grenze in Berlin führte, liebevoll organisiert vom Mauerweg-Laufverein.

Der Anmeldeschluß war längst vorbei, als mich dieser Lauf immer mehr faszinierte. Ob ich vielleicht doch noch eine Chance habe, teilzunehmen?

Ich schickte dem Cheforganisator Alexander eine Mail und fragte einfach nach  und prompt kam auch die Antwort: Wenn jemand absagt, darf ich starten!

2 Wochen vor dem Lauf erhielt ich - während der Ruhreroberung - die SMS. Willst du starten? Nach kurzer "familieninterner" Beratung antortete ich und sagte zu.

 

2 Wochen hatte ich also Zeit, alles vorzubereiten - und das ist bei solch einem Lauf wahrlich nicht viel.

Nachdem dann wirklich alles  klar war, der freie Tag in der Firma genehmigt, der Flug gebucht war und ich das erforderliche ärztliche Attest in der Hand hielt - erst ab diesen Moment konnte ich mich richtig auf den Lauf freuen. Das war am Dienstag - nur 4 Tage vor meiner Anreise nach Berlin. Es war also kaum noch Zeit, stundenlang Wegstrecken zu studieren oder mich in irgendeiner anderen Art und Weise nervös zu machen. Eigentlich mußte ich nur packen und losfliegen…

Aber ganz so einfach war das nicht. Ich brauchte 3x Wechselklamotten und das für alle möglichen Witterungsvarianten. Dann noch normale Straßenkleidung, Duschtuch, Luftmatratze, Schlafsack und und, und…

Stop – und das sollte ich alles in einem Gepäckstück und Rucksack unterkriegen? No way. Ich beschloß, den mir selbst auferlegten Maulkorb ein wenig zu lockern.  Ich rief Alex an und reservierte mir eine Turnmatte, danach Stefan und fragte ihn, ob er mir einen Schlafsack leihen könnte. Stefan freute sich riesig, dass ich mitlaufen würde und versprach mir auch gleich zu helfen. Zwei Tage später erhielt ich die Nachricht, dass ich sogar bei seiner Schwester schlafen könnte. Mir fiel ehrlich gesagt ein Stein vom Herzen. Wahrscheinlich hätte ich in der Turnhalle kein Auge zugetan….

Auch Elke, Marianne, Kornelia und Ramona waren eingeweiht. Sie hatte ich gefragt, ob sie mich ein Stück begleiten würden, was bei Elke und Marianne ja auch tatsächlich geklappt hat und sie mir sogar noch eine weitere Überraschung bereiteten. Aber davon später.


Es ist Freitag.

15:25Uhr hebt der Flieger nach Berlin ab und landet nur 50min später. Kurz vor 18:00Uhr treffe ich in der Lobeckstrasse ein und laufe auch gleich Hanka und Stefan in die Arme. Ich habe mich so auf die beiden gefreut! Noch kenne ich nicht viele Ultraläufer und ohne die beiden wäre es für mich wohl ein wenig einsam geworden…

Nachdem wir unsere Startunterlagen abgeholt hatten ging es ab zum Nudelessen und danach zum obligatorischen Briefing. Inzwischen war auch klar, dass wir den Schlaf-Plan über den Haufen geworfen haben und ich ebenso wie Mirco bei Hanka schlafen durfte. Damit war schon mal sicher, dass ich nicht verschlafen würde und wenn doch, dann nicht alleine…


Aber es klappte alles und pünktlich 6:00Uhr standen wir an der Startlinie auf dem Sportplatz an der Lohbeckstrasse. Rainer Eppelmann, der Schirmherr der Veranstaltung gab das Zeichen zum Start.

Erst einmal mussten wir 5 Runden auf der Bahn laufen, damit sich das Feld schon mal ein wenig entzerrt und nicht alle ca 100 Starter gleichzeitig auf die Berliner Strassen rennen. Dann bogen wir ab – auf die geschichtsträchtige Berliner Strecke. Noch 158,9km.


Ich bemühte mich, mein Tempo zu finden und ertappte mich immer wieder dabei, zu schnell zu laufen. Aber ich war mir sehr unsicher und hatte bis dato wohl jede Markierung übersehen. Irgendwie wollte ich immer jemand vor mir haben, um mich zu orientieren…
Aber irgendwann hatte auch ich Blondi gerafft, wie die Markierung aussah und bekam immer mehr ein Blick dafür. Ich entspannte mich zunehmend, lief locker und genoß den wunderschönen Morgen.

Bereits nach kurzer Zeit kamen wir in die Mühlenstrasse und liefen an der East Side Gallery vorbei. Dort suchte ich vergebens das „Bruderkuss-Bild“ und auch das Bild mit dem Trabi, der die Mauern durchbrach. Diese Bilder waren kurz nach der Wende im Ostteil Berlins entstanden, zu einer Zeit, als man auch von der östlichen Seite an die Mauer durfte…
Heute waren an dieser Stelle viele neue „Kunstwerke“ zu bewundern. Ein Spruch hat mich sehr nachdenklich gemacht, den ich hier einfach mal sinngemäß wiedergeben möchte: Wer die Welt heute gut findet, will nicht, dass sie weiter existiert. Ich weiß nicht, was sich der Schreiber dieser Zeilen gedacht hat, aber mir fielen spontan die vielen Umweltsünden der Menschheit ein und ich mußte ihm recht geben.

Wir bogen nach rechts auf die Oberbaumbrücke ab und landeten in der Kreuzberger Szene. Während das übrige Berlin noch zu schlafen schien, hatte hier die Nacht wohl noch gar nicht begonnen. Viele Partys waren noch im Gange. Ein junger Mann wollte mir sein Bier und eine Zigarette anbieten, was ich aber dankend ablehnte… Nicht mal ein alkoholfreies Weizen hätte ich jetzt gewollt. Ich wollte einfach laufen und spätestens am nächsten Tag 12:00Uhr zurück in der Lohbeckstrasse sein.

Obwohl die ersten 4 Verpflegungstellen jeweils 12 bzw. 10km auseinander waren, fiel es mir nicht schwer. Ich fühlte mich gut und topfit. Wir liefen jetzt auf dem Original Mauerweg liefen, aber es war oft nichts mehr zu erkennen. Wo genau hat sie gestanden? Sind wir jetzt im ehemaligen Ost- oder Westteil?


Viel war nicht mehr zu sehen – und ich finde, dass das gut so ist. Die Stadt ist zusammengewachsen, ist wieder eine Stadt geworden. Gegen das Vergessen stehen für jedes Maueropfer Gedenktafeln, auf denen ihre persönliche Fluchtgeschichte zu lesen war. 50 Jahre nach dem Bau der Mauer und 22 Jahre nach deren Fall sind wir heute ein Teil der Geschichte Berlins. Ich habe den Fall der Mauer unmittelbar in Berlin erlebt, habe dort zu dieser Zeit gewohnt und fühle mich seit dieser Zeit eng mit der Geschichte dieser Stadt verbunden. Auch und gerade deshalb war es für mich so erhebend, an diesem Lauf teilnehmen zu dürfen.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Hanka treffe ich bereits an der 2. Verpflegungsstelle und kurz nach der Dritten wartet Laufmauselke auf mich. Ab diesem Moment laufen wir 30km zusammen und quatschen über Gott und die Welt. Viele Menschen fragen uns, was wir da eigentlich treiben. Wir ernten Bewunderung genauso wie ungläubiges Kopfschütteln. Ein älterer Mann fährt ein Stück mit dem Rad mit uns freut sich, daß er sich noch täglich bewegen kann. Eine schöne Begegnung!
Am Km 42 werden wir von Erika erwartet. Wir sind jetzt in der Nähe des Teltowkanals. Hier ist Erika zu Hause und begleitet uns ein Stück. Das war eine ungeplante Überraschung und ich habe mich riesig gefreut über ihre Begleitung!
Hier an km 42 wäre ein Marathon vorbei und wahrscheinlich auch ein Marathonbericht zu Ende.  Aber heute  liegen noch 118,9km vor mir...

 

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In diesem Moment denke ich jedoch nicht an die Distanz, die noch vor mir liegt. Ich genieße die gemeinsamen Kilometer mit Elke und weiß eigentlich gar nicht so richtig, wo ich mich eigentlich befinde. Es läuft immer noch gut – trotzdem beschließe ich, ab und zumal eine Gehpause einzulegen. Ich habe keine Ahnung, ob das zu diesem Zeitpunkt gut ist, aber ich mache es trotzdem. Beim Thüringen Ultra bin ich die Berge hochgegangen – aber hier gibt es keine Berge. Auch wenn die kumulierten Höhenmeter letztendlich sich doch auf mehr als 600 summieren, geht es doch größtenteils sehr flach zu.


Wir laufen nun nach links in Richtung Checkpoint Bravo, der nächsten Verpflegungsstelle. Plötzlich kommen uns Läufer entgegen. Sofort kommt uns die bange Frage: Sind wir falsch gelaufen? Aber wir hatten doch die Markierung gesehen? Es klärte sich aber bald auf, dass wir alle richtig liefen. Wir mußten uns so etwa einen Kilometer vom Mauerweg entfernen und dann auf dem gleichen Weg wieder zurücklaufen. So war es schön zu sehen, dass sich doch noch einige Läufer in unserer Nähe befanden.

Zurück am Mauerweg. Wir laufen in Richtung Bahnhof Griebnitzsee. Hier ist die erste Cut off Zeit. Ein Blick auf die Uhr verrät mir: Es besteht keine Gefahr! Letztendlich kommen wir dort etwa 2 Stunden vor der Schlußzeit an. Das gibt mir Kraft, ich habe keinen Zeitdruck. Ich glaube, der wäre tötlich für mich gewesen. An der Verpflegungsstelle werden wir – wie überall - nach Strich und Faden verwöhnt. Die netten Sportsfreunde lesen uns quasi die Wünsche von den Lippen ab. Und unterwegs? Werde ich bestens von Elke umsorgt.

Kurz vor der Glienicker Brücke verabschiedet sich Elke von mir und Marianne löst sie ab. Sie wird mich etwa weitere 10km begleiten. Zusammen laufen wir über die Glienicker Brücke. Hier wurden früher gegenseitig die Agenten ausgetauscht. Ich kenne die Brücke nur von Filmausschnitten bzw. Dokumentarfilmen. Heute ist sie Tummelplatz vieler Touristen, Familien, die mit ihren Kinder spazieren gehen. Es ist ein sonniger Samstag. Die wenigsten von ihnen werden sich fragen, welche historische Bedeutung diese Brücke hatte. Vieles ist schon heut vergessen. Die Menschen leben heute. Wir laufen gegen das Vergessen, machen Grenzerfahrungen, nicht nur körperlich.

Marianne verabschiedet sich von mir und steigt zu Elke und Uwe ins Auto. Ich drücke alle drei – ich bin ihnen so dankbar für ihre Begleitung! Sie werden sich jetzt einen schönen Abend bei Max Raabe machen, ich freue mich für sie. Etwa 72km sind an dieser Stelle geschafft.

Elke, Marianne und Petra

 

Marianne und Petra


Nun laufe ich allein weiter, aber ich bin es nicht wirklich. Immer mal wieder treffe ich auf ein nettes Läuferpärchen. Mal sind sie vor mir, mal laufe ich vorneweg. Immer haben sie einen lockeren Spruch auf der Zunge. Er trägt – genau wie ich - das Finishershirt des Zermattmarathons. Das verbindet…
Mein Handy klingelt – Ramona ist dran. Sie möchte wissen, wie es mir geht und drückt mir die Daumen. Es ist schön zu wissen, dass man nicht allein ist.

An der nächsten Verpflegungsstelle werde ich gefragt, wo ich denn her komme. Mein Dialekt ist unverkennbar kein Berliner Dialekt. Ich berichte stolz von meiner Thüringer Herkunft, worauf sich mein Gegenüber ebenfalls als Thüringer outete. Spontan holte ich mein Handy aus der Tasche und lies das Rennsteiglied erklingen… Singend lief ich von dannen und dachte auch gleich wieder an unsere Ruhrhymne und die Ruhreroberer.

Nun machte ich doch  öfter mal eine Gehpause. 10min laufen und 2 min gehen – diesem Rhythmus folgte ich bis zur Kuckucksstrasse, wo ich – wie jeder Läufer - mit frenetischen Beifall empfangen wurde. Ich zog mir ein trockenes Shirt an und tausche den Gürtel mit dem Laufrucksack aus. In ihm war die Warnweste, eine Jacke und die Stirnlampe hinterlegt. Noch war es hell, aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich es brauchen würde.

In der Gartenlaube traf ich wieder auf mein „Pärchen“, deren Namen ich leider nicht weiß. Im Gartenstuhl der netten Familie Pagel sitzend trank er ein alkoholfreies Hefeweizen und reichte mir ohne viel Worte sein Glas. Jawohl, ihr lest richtig: es war tatsächlich ein Weizenbierglas und kein Pappbecher! Boa ey, hat das Bier gut geschmeckt! Unsere Gastgeberin muß meine strahlenden Augen gesehen haben – sie hat mir gleich nochmal nachgeschenkt!

An der Spandauer Strasse erwartete mich eine weitere Überraschung. Meine Schwester und ihr Mann warteten dort seit einer Stunde auf mich und wollten mir unbedingt ihre moralische Unterstützung mit auf den Weg in die Nacht geben. Hab ich mich gefreut! Das war so toll und hat mich mächtig motiviert. Sie hatte schon seit Stunden meinen Lauf verfolgt und mir immer wieder Glückwunsch-SMS geschickt.
Jetzt zog ich die Weste und die Jacke an und holte die Lampe aus dem Rucksack. Nach einem kurzen Fotoshooting lief ich weiter. Bald würde es dunkel werden. Noch 17km bis zum Ruderclub Oberhavel, wo ich einen kompletten Satz Laufkleidung und auch ein paar Schuhe hinterlegt hatte. Dort – so war der Plan – wollte ich eine etwas größere Pause machen.

Die Dunkelheit lies nicht mehr lange auf sich warten. Und genau jetzt kam das entlegenste Stück des Mauerweges. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Links Gebüsch, rechts ein Feld. Kurze Zeit später ist es umgekehrt. Die Pflanzen werfen eigenartige Schatten im Licht der Stirnlampe. Aber in regelmäßigen Abständen erscheinen die blauen Knicklichter, die mir den Weg weisen und sagen, dass ich richtig bin. Das ist sehr beruhigend. Ich habe keine Angst, auch wenn mir so ein ganz klein bisschen mulmig ist. Niemand ist in der Nähe. Umso mehr freue ich mich, als mir ein Radfahrer entgegen kommt und mich fragt, ob es mir gut geht. Es sei nicht mehr weit bis zur nächsten Verpflegung.

Inzwischen ist es schon empfindlich kalt geworden, aber noch sind es 5km bis zur ganz warmen Kleidung. Also heißt es: Laufen, laufen, laufen…
Am nächsten VP werde ich von einer netten Dame bis zum Abzweig von der Strasse gebracht. Es ist ein etwas gefährliches Stück. Sie fährt mit dem Rad hinter mir und weist mir den Weg. Auch das ist der Mauerweglauf. Ich bin beeindruckt und dankbar.
Nun bin ich wieder allein auf dem Weg zum Ruderclub – quer durch den Spandauer Forst.

Irgendwo dort findet eine riesengroße Party statt. Ich rieche förmlich Janas Schweinekrustenbraten  - aber ich habe ja keine Ahnung, dass sie da mitfeiert. Ehrlich – ich wäre garantiert erst mal reingekommen! Schweinekrustenbraten hätte ich zwar nicht gegessen, aber ein alkoholfreies Weizenbier….mmmmhhhh… da hätte ich bestimmt nicht nein gesagt!

Ich sehe die Leute tanzen und feiern – aber ich laufe weiter.
Vor mir liegen die Nacht und noch etwa 50km.

Die letzten Kilometer bis zum Ruderclub ziehen sich wie Kaugummi. Noch `ne Biegung und noch eine… Irgendwo muß er doch sein! Ich laufe eine gefühlte Ewigkeit. Höre eine stimmungsvolle Partyrunde – das könnte doch der VP sein?

Die Stimmen entfernen sich wieder, das war wohl Fehl-Alarm. .. Aber irgendwie werden sie doch wieder lauter und ich scheine im Kreis zu laufen. Jetzt wird es immer lauter und nur wenige Minuten nach Mitternacht empfängt mich eine Verpflegungstruppe mit frenetischen Beifall. Sofort werden mir meine Wechselsachen gebracht und ich ziehe mich ins Zelt zurück.
Zum Duschen habe ich keine Lust, aber ich ziehe mich komplett um. Endlich trockene Sachen, auch ein langes Shirt und eine Jacke. Das tut gut. Ich lege mich ein wenig auf die Liege und schließe die Augen . Sofort kommt eine Sanitäterin und fragt mich, ob es mir gut geht. Ja, ja – alles in Ordnung…

Draussen nimmt die Stimmung wieder zu, da kommt wohl wieder ein Läufer. Es ist einfach toll, wie wir hier empfangen werden – aber an Schlaf ist da nicht zu denken. Ich beschließe nach wenigen Minuten, wieder aufzustehen und mich auf den Weg zu machen. Ich wechsle noch die Schuhe. Auf den letzten 43km sollen mich meine Lunge-Schuhe tragen. Ich verkneife mir, die Strümpfe auszuziehen und nachzuschauen, wie sie aussehen. Das habe ich mir fürs Ziel auf.

Kurz vor 1 geht es weiter auf den Weg durch die Nacht. Die nächste Herausforderung wartet: mein Streak. Langsam trabe ich an, setze behutsam Schritt für Schritt und merke: Es geht! Nein – es läuft! Da ich wieder mal keinen Sensor an den Schuhen habe, laufe ich 21min am Stück. Damit habe ich meine Streak-Meile für heute (mehr als) geschafft und ich freue mich unendlich.

Nun gehe ich vorwiegend, der Boden wird immer schlechter – und ich immer müder. Ich habe das Gefühl, dass mir die Augen im Gehen zufallen. Links und rechts Gebüsch und dahinter eigenartige Schattenspiele. Ich schließe zu einem Läufer auf, der ziemlich fertig aussieht und nur noch gehen möchte. Ich schließe mich ihm an – wenigstens solange es dunkel ist. Ich bin froh, gerade jetzt nicht allein zu sein. Als ich mich plötzlich mitten im Gestrüpp wiederfinde und nach den blauen Knicklichtern suche, bin ich unendlich froh, dass da noch jemand ist, der mit mir sucht. Leider habe ich im Trance meiner Müdigkeit nicht mal nach seinem Namen gefragt und ich weiß nicht mal, ob er angekommen ist.

Der Weg ist kaum zu erkennen – aber es muß sich um ziemlich altes Kopfsteinpflaster handeln. Jeder Schritt tut weh, Laufen gerade unmöglich. Die Schattenspiele wirken immer mehr einschläfernd. Ich träume im Gehen von einem Bett und merke, wie ich immer wieder wegnicke und gleichzeitig wieder aufwache. Die Müdigkeit im Kopf ist schlimmer als die Müdigkeit in den Beinen. Sehnsüchtig wartete ich darauf, dass es wieder hell wird.

Irgendwann ist auch die längste Nacht zu Ende und der Tag erwacht. Mir ist ziemlich kalt, ich muss wieder laufen. Ich verabschiede mich von meinem nächtlichen Weggefährten und versuche wieder anzutraben. Wahrscheinlich ist es nicht schneller als ein zügiges Gehen, aber egal. Links von mir wird der Horizont rot und ich sehe wieder, wohin ich laufe. Grün ist wieder grün und dem Grau der Nacht gewichen.

In meiner Erinnerung weiß ich nicht mehr, wann ich wo und an welchem Verpflegungspunkt war. Die Nacht hat geschlaucht und 5km zwischen den VP`s waren gefühlt doppelt so lang. Irgendeiner prägte den Begriff: Es metert nicht mehr…

Ich freue mich, als ich wieder in der Stadt war und irgendwann war ich dann auch am Bahnhof Wilhelmsruh bei km 144. Inzwischen war es richtig hell und es wurde auch gleich warm. Von nun an lief ich zumindest teilweise in bekanntem Gefilde.
Kurz vor der Bornholmer Brücke klingelt das Handy. Ramona wünscht mir alles Gute für die letzten Kilometer, auch Elke und Christina melden sich und wünschen mir alles Gute für den Rest der Strecke.  Ich freue mich riesig – ich bin nicht allein!

Als ich in die Bernauer Strasse einbiege, bekomme ich Gänsehaut. Nur noch ein Kilometer und ich werde am Mauermuseum an der Ackerstrasse sein. Links neben mir ist der Verlauf der Mauer mit Eisenstäben markiert, hier kenne ich fast jeden Meter. Die Zeit des Mauerfalls habe ich genau hier – in der Ackerstrasse, direkt an der Mauer erlebt. Ich sauge jeden Meter in mir auf, sehe, was sich alles verändert hat. Von weitem schon sehe ich unser ehemaliges Wohnhaus, das wie alle Häuser in Richtung Mauer keine Fenster mehr hat, weil sie alle zugemauert wurden.

In mir steigt die Erinnerung auf und die Tränen, in meinem Hals steckt ein dicker Kloß. Hier an dieser Stelle habe ich mir vor 22 Jahren ein Stück aus der Mauer gepickt, hier sind wir auf dem Wachturm geklettert und hier habe ich die ersten Autos hindurchfahren sehen. Hier habe ich erlebt, wie schnell das U- und S-Bahnsystem wieder zu einer Einheit gewachsen ist. Hier war meine Heimat während dieser riesigen geschichtlichen Umwälzung in Berlin und Deutschland.

Ich laufe mit Tränen in den Augen zum Verpflegungspunkt. Hanka und Rita begrüßen mich und ich erzähle ihnen, was mich gerade bewegt. Eine Fotografin ist da, die mich an unserem ehemaligen Wohnhaus fotografiert. Auf dieses Foto freue ich mich schon sehr.
Ich kann nichts mehr essen und trinke nur ein wenig. Die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Eigentlich hätte hier an diesem Punkt Schluß sein können, aber ich laufe natürlich weiter. Nun schaue ich kaum noch nach den Wegmarkierungen, sondern nehme das Road Book.

Nur im Regierungsviertel laufe (pardon gehe) ich ziemlich hilflos herum. Alles ist neu, es ist Tag der offenen Tür und hunderte Menschen tummeln sich hier herum. Ich schlängel mich durch das Gewühl und irgendwann bin ich in der Wilhelmstrasse.
Ampel für Ampel kämpfe ich mich vorwärts, natürlich ist überall rot ... Ich bleibe  diszipliniert und laufe erst bei Grün weiter. Am letzten Verpflegungspunkt trinke ich noch ein wenig und mache mich auf den Weg zur Lohbeckstrasse. Bald ist es geschafft. Nur noch ein paar Minuten, noch am Checkpoint Charlie vorbei, noch ein paar mal abbiegen und dann bin ich da!

Ich sehe das Stadion, laufen natürlich erst mal am richtigen Eingang vorbei, merke es nach etwa 150m, laufe zurück, finde den richtigen Eingang und sehe das Ziel! Aber bevor ich einbiege, muß ich mich ein wenig „stylen“ - Haare richten, das Shirt zurechtzupfen und dann geht es hinein ins Stadion.


Mein Endorphinspiegel steigt ins Unermessliche, ich laufe locker und leicht und lege auf den letzten 50 Metern noch einen Schlußspurt hin, der mir sichtlich Spaß macht. Ich werde herzlich begrüßt und erhalte so viele Glückwünsche, ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Alles läuft in mir wie in einen Film ab. Strahlend nehme ich das Finishershirt in Empfang.

„Niemand hatte die Absicht 100 Meilen zu laufen“ steht da drauf - angelehnt an die vor 50 Jahren getätigte Aussage Walter Ulbrichts „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“.  Nur wenige Wochen später war klar, das dies eine Lüge war.

Bei mir und meinem Lauf hat es genau 28Stunden und 20min gedauert, bis diese Aussage offensichtlich zur  "Lüge" wurde...


Stefan, Mirko und Bernd waren nicht lange nach mir angekommen – wir lagen uns in den Armen und es war einfach nur Freude pur.

Bezeichnend für die Stimmung des Laufes war auch der Zieleinlauf der Sieger. Jawohl - es gab 2 Sieger, die gemeinsam über die Ziellinie liefen. Einer aus dem ehemaligen Westen und der andere aus dem ehemaligen Osten.

 

Wer Lust hat noch mehr zu lesen - auf der offiziellen Seite des Mauerweglaufes gibt es noch viele weitere Bilder und links zu tollen Laufberichten, u.a. von Joe kelbel auf Marathon4you.


Es ist der wohl erste Lauf, bei dem ich selbst kein einziges Foto gemacht habe. Aber dieser Lauf ist in meinem Herzen und wird in meiner Erinnerung bleiben. Umsomehr bedanke ich mich bei Elke und Marianne für die schönen Fotos, die sie während ihrer Begleitung zwischen km 32 und 72 gemacht haben und die ich hier veröffentlichen darf! Vielleicht kommen ja noch ein paar Fotos von Peter hinzu, die ich auf jeden Fall nachreichen werde!

Ein ganz herzliches Dankeschön geht an dich, liebe Hanka für deine Hilfe und Unterstützung. Du bist ein richtiger Schatz - weißt du das?

Dankschön lieber Stefan, Mirko und Bernd für die schönen Stunden vor und nach dem Lauf.

Dankeschön, liebe Christina und lieber Peter für den überraschenden Besuch an der Strecke!

Ebenso möchte ich meinen herzlichsten Dank Alexander und seinem Team aussprechen. Das, was ihr da auf die Beine gestellt habt, war einfach der blanke Wahnsinn! Die Organisation und Verpflegung top, die Ausschilderung quasi "idiotensicher" und die Verpflegung spitzenklasse.

Vielen vielen Dank auch an alle, die unterwegs mit mir mitgefiebert und immer an mich gedacht haben. Das hat mir ganz viel Kraft gegeben!


Nach der Siegerehrung fahren wir gleich nach „Hause“ – Hanka bringt mich zu meiner Freundin, die nicht weit entfernt wohnt. Ich muß 4 Treppen hochlaufen. Meine Freundin merkt, wie langsam ich hochkomme und holt mich ab. Bin ich froh, dass ich die Tasche da nicht allein hochtragen muss!
Am nächsten Morgen gehe ich aber schon freiwillig zum Bäcker und hole Brötchen. Die schmerzenden Blasen sind versorgt und beginnen bereits zu heilen. Der Schmerz wird vergehen – aber der Stolz bleibt!

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Petra 09/19/2011 21:52



Lieber Harald,


vielen, vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Glückwünsche. Dieser Lauf - das war für mich bisher der Schönste und enotional Tiefste, den  ich je erlebt habe. Habt ganz ganz
vielen Dank für diesen wunderbaren Lauf. Das habt ihr so toll organisiert und mit soviel  Hingabe durchgeführt - auch das war tief beeindruckend.


Ich werde alles versuchen, auch im nächsten Jahr beim Eappenlauf auf dem Mauerweg dabei zusein und eine Wiederholung in 2 Jahren - das wäre einfach toll. Wenn alles klappt, bin ich dann
wieder mit dabei!


Viele liebe Grüße


Petra



Harald 09/19/2011 11:38



Hallo Petra, vielen Dank für den tollen Bericht und, wenn auch etwas verspätet, herzlichen Glückwunsch zu deiner Leistung! Es freut mich ganz besonders daß du solch große emotionale Momente
erlebt hast, ich hab mich schon bei vielen Läufen auf dem Mauerweg gefragt wie wohl die Menschen, die dort gelebt haben, bei einem solchen Ereigniss reagieren. Für viele von uns war die
Organisation und Durchführung dieses Laufes auch ein herausragendes Ereigniss, ich persönlich hab sehr viel mitgenommen.


Vielleicht sehen wir uns ja in zwei Jahren wieder, oder bei der Mauerwegtour, oder auch bei einem anderen Lauf. Jedenfalls wünsche ich Dir alles Gute.


glg Harald



Petra 09/18/2011 20:10



Vielen Dank, lieber Frank für deine Glückwünsche!


Ganz viele liebe Grüße


Petra


 



Frank 09/05/2011 20:19



Liebe Petra,


Du überrascht mich immer wieder auf's neue !! Deine Läufe sind einfach Klasse, Deine Leistung ist einmalig und Deine Berichte machen Gänsehaut - Super - mach weiter so !!!


 


LG


Frank



Petra 09/04/2011 20:35



Auch an dieser Stelle: Noch  einmal herzlichen Dank, liebe Elke! Es war eine tolle Begleitung von dir - bei der ich jeden Meter genossen habe!


Viele liebe Grüße


Petra