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Veröffentlicht von Petra

4 Tage sind vergangen – seit jenem Tag, an dem ich mir einen großen Traum erfüllt habe. An dem ich mich auf dem Weg gemacht habe, weiter zu laufen als jemals zuvor.
An dem ich alle Grenzen gesprengt habe, die es je für mich gab.
Aber der Reihe nach.
Nach 4 Monaten Vorbereitung – nach 4 Monaten laufen, laufen und nochmals laufen machte ich mich am Donnerstag erst mal mit dem Flugzeug und dann mit dem Auto auf den Weg. Mehr als tausend Kilometer Anfahrtsweg – ich war schon ziemlich platt, als wir am Donnerstag Abend unser Ferienhaus bezogen.
Auf Grund meiner beruflichen Anspannung hatte ich kaum Zeit, mich auf den Rennsteiglauf einzustellen, mich zu freuen, aber auch keine Zeit, mich verrückt zu machen.
So war ich zwar ziemlich fertig, aber bezüglich des vor mir liegenden Laufes doch relativ entspannt.  Wir verbrachten einen ruhigen Abend und nun begann auch die Vorfreude in mir aufzusteigen.
Am Freitag vormittag fuhren wir nach Eisenach und trafen uns mit vielen lieben Lauffreunden bei „Luigi“, welcher eigentlich Giovanni heißt und mitten in Eisenach eine super Pasta kocht und serviert.

Pasta am Vortag

 

Frisch gestärkt gingen wir gemeinsam zur Startnummernausgabe und holten unsere Startnummern ab. Die 674  - das war meine Nummer für den nächsten Tag.   

 

Startnummernausgabe


Weiter ging es nach Schnepfental, wo wir für Rainer die Startunterlagen für die 36km Walking strecke abholten.

Gegen Abend trudelten so nach und nach all unsere Freunde, Bekannte und Verwandte ein und wir feierten in dem kleinen verschlafenen Örtchen Altendambach unsere ganz private Vorabendparty -mittlerweile traditionell mit Bratwürsten und für die unermüdlichen Läufer gab  es Spaghetti mit Tomatensauce.

Warten auf die Bratwurst

 

Leider mußte ich die Party ziemlich zeitig verlassen, da ich von Ruth und Udo abgeholt wurde. Wir fuhren gemeinsam nach Eisenach und ich hatte das wahnsinnig große Glück, direkt am Startort schlafen zu können.

Vorher aber fuhren die beiden noch mit mir auf den Berg, den ich am nächsten Tag gleich zu Beginn hoch laufen sollte.  Auweia, das geht ja heftig ab! Ob das so gut war, mir diese Steigung vorher zu zeigen? Ich bekam noch mehr Respekt vor der Strecke und ich fragte mich zum was weiß ich wievielten Male, wieso ich auf diese bekloppte Idee gekommen bin, mir die 72,7km lange Strecke anzutun....

Trotz allem konnte ich wenigsten ein paar Stunden schlafen. Nach einem leckeren Obstfrühstück fuhr mich Ruth zum Start. Wow – was herrschte da bereits für eine Stimmung auf dem Marktplatz!  Innerhalb kürzester Zeit traf ich viele liebe Lauffreunde. Bei allen war die tiefe Freude auf diesen Lauf zu spüren und ich ließ mich nur zu gern anstecken.
Ich war aufgeregt, nervös, voller Vorfreude, voller Optimismus und aber auch voller Ehrfurcht. Ich wollte es schaffen.  Wollte vor 18.00Uhr in Schmiedefeld sein.

Kurz vor 6.00 Uhr mußte ich mich nochmal in die Schlange der Schlangen einreihen und wurde immer nervöser. Schließlich wollte ich nicht zu spät zum Start kommen. Aber da hinter und neben mir noch mindestens hundert Läufer standen, würden die ja auch alle zu spät kommen...
Schließlich hatte ich es doch geschafft und war kleines Minütchen vorm Startschuß wieder zurück. Ich konnte mich gerade noch von Ruth verabschieden und schon ging es los.
Ich überlief die Startmatte. Das Abenteuer Supermarathon hatte begonnen. Neben mir läuft Elke, mit der ich bereits in Rodgau einige Runden laufen konnte. Gemeinsam wollten wir es wagen. Auch Evi wollte mit uns laufen, aber bereits am Start hatten wir sie „verloren“. Ihr leuchtend gelbes Shirt war und blieb verschwunden.

Bereits nach einem kurzen Stück durch Eisenach ging es steil bergauf. Es war die Straße, die ich am Vortag im Auto bewundern „durfte“. Heute hatte ich kein Auto mehr unter dem Hintern. Heute galt es, allein zu laufen.
Aber irgendetwas war anders als beim Marathon.  Im hinteren Drittel gingen bereits jetzt viele Läufer. Nur keine Kraft verschwenden, die man zum Ende hin vielleicht noch braucht. Wir hörten auf alle guten Ratschläge und gingen ebenfalls den Berg hinauf.
Vor, neben und mitten unter uns viele Laufverrückte, die wir auf der Strecke immer wieder trafen – mal vor, mal hinter uns.
Da waren die beiden Männer,  die aneinander an ein Seil mit gesammelten Startnummern gebunden waren und jeden Meter gemeinsam liefen, jede Verpflegung in gebührenden Abstand einnahmen und auch das dringende Geschäft am Baum gemeinsam „organisieren“ mußten...
Da war das nette Mädel mit dem schicken Laufröckchen, die unterwegs ihren Kindern ihre Einkaufswünsche mitteilte. Alkoholfreies Bier sollten sie kaufen.  Ich bekam Appetit. Auch das ist Supermarathon.
Laufwunder Holger überholte uns – welch Freude über das Wiedersehen. Und Günter, den ich nur von einigen Mails kannte. Ich fühlte mich „zu Hause bei Freunden“.

Allerdings war es bitter kalt. Ich bereute, die Handschuhe nicht mitgenommen zu haben. Egal, die innere Wärme mußte eben ausreichen.

Die Strecke wurde immer schöner. Tiefschwarze Bäume, das Laub hellgrün. Im Hintergrund das Dunkelgrün der Fichten. Wenn das ein Bild gewesen wäre, hätte man dies vielleicht als Kitsch empfunden. Aber es war die Natur und es sah einfach wunderschön aus. Ein Blick nach hinten beschenkte uns mit einem herrlichen Ausblick auf die Wartburg. Manchmal lohnt es sich doch, auch mal nach hinten zu schauen.

Wir kämpften uns voran. Meter für Meter. Bereits nach 10 Kilometern bekomme ich schwere Beine. Ob das schon das Aus ist? Wie soll ich damit 72,7km schaffen?
Ich denke nicht weiter darüber nach, hänge meinen Gedanken nach und unterhalte mich mit Elke über Gott und die Welt. Es geht uns gut und wir genießen die Strecke.

Wir beschließen, uns den Lauf in 3 Etappen zu teilen. Die erste Etappe war der Inselsberg,  die 2. Etappe der Grenzadler und die 3. Etappe dann der „Rest“ von 17km...

Meine schweren Beine wurden nicht schwerer – im Gegenteil, dieses Gefühl wurde immer schwächer. Vielleicht waren meine Beine erst jetzt richtig warm.

Die Zeit verging wie im Fluge... und freudig erblickten wir das Kilometerschild 25.  Der Inselsbgerg war geschafft. Immer wieder stiegen in mir Tränen auf. Vor Freude, dabei sein zu dürfen bei diesem wunderschönen Lauf. Immer wieder applaudierten uns wildfremde Menschen, wünschten uns Glück und viel Erfolg.

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Der Abstieg. Franky hatte recht – es ging wirklich steil bergab. Ich dachte an seinen Rat und lief einige Schritte rückwärts. Wohltuend für die Beine, aber für mich nicht ganz so praktikabel.

Also verlegte ich mich doch lieber wieder aufs Vorwärtslaufen und so kamen wir wohlbehalten an der Verpflegungsstelle Grenzwiese an.
Ich genehmigte mir einen Becher Schleim und weil der so lecker war, gleich noch einen.
Wie wurden wir verwöhnt! Erstmalig bei einem Lauf überhaupt habe ich unterwegs auch Brote gegessen. Nur mit süßen Riegeln übersteht man solch einen Lauf wohl nicht.
Wir bleiben kurz stehen beim Essen. Bei einer kurzen Strecke für die meisten undenkbar. Auch das ist Supermarathon.

Wir bemerken erst jetzt, daß wir uns ja bereits in unserer 2. Etappe befinden. Ich rechne: An der nächsten Verpflegung an der Ebertswiese haben wir schon die Hälfte geschafft. Zwischendurch gibt’s immer wieder Informationen an Elke, wie viele Höhenmeter bereits hinter uns liegen und wie viele Kalorien wir verbraucht haben. Informationen über die zugeführten Kalorien gab`s nicht.

Immer noch laufen wir locker und leicht. Es macht Spaß. Am Wegesrand mitten im Wald sitzt ein älterer Mann auf einer Bank. Neben ihm steht eine gelbe Schwalbe. Er bläst uns ein Ständchen auf seinem Jagdhorn. Weithin erschallt der Ton und begleitet uns sehr lang. Es ist wunderschön. Gänsehaut pur. Mir stehen schon wieder Tränen in den Augen. Auch das ist Supermarathon.

An der Grenzwiese werden wir begrüßt – mit Namen. Die vielen fleißigen Helfer sind freundlich und geben sich alle Mühe, uns jeden Wunsch zu erfüllen. Wir fühlen uns wie die Helden des Tages. Auch wenn wir ziemlich am Ende des Feldes sind. Keine Spur von Ungeduld. Das tut gut.

Wir laufen weiter und der Kilometer 40 ist bald erreicht. Es geht wieder bergauf, immer weiter. Wir gehen gemeinsam. Es ist nicht wichtig, wie schnell wir oben ankommen, sondern in welchem Zustand.  Hier irgendwo muß die Marathonmarke sein, die heute aber keine Rolle spielt. Der Weg zieht sich und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, daß 5km ganz schön lang sein können.

Aber irgendwann ist auch der längste Berg zu Ende und es geht moderat weiter. Für Elke kommt jetzt die neue Herausforderung. Mehr als 42km ist sie bisher noch nicht gelaufen.
Endlich ist es da – das Kilometerschild 50. Ab diesem Schild begebe ich mich auf Neuland. So weit bin ich noch nie gelaufen.

In wenigen Kilometern sind wir am Grenzadler. Bald haben wir unsere 2. Etappe geschafft. Endlich geht es ein Stück bergab. Wir traben und motivieren uns gegenseitig, machen uns Mut und stellen uns vor, wie wir gemeinsam ins Ziel einlaufen. Wir werden es schaffen.

Am Grenzadler teilt sich der Weg. Das Ziel für die Walker und die Aussteiger Supermarathon führt nach links. Wir verschwenden keinen Gedanken daran, daß wir hier aufhören könnten. Wir laufen geradeaus weiter, hören die Stimmung im Festzelt, stärken uns mit einer warmen Brühe und machen uns auf den Weg zum Ziel. Noch 17km. Eine Strecke, die ich schon oft mal ebenso gelaufen bin. Aber jetzt haben wir bereits 55km in den Beinen.

Mein Handy klingelt. Es ist Angela, die wissen will, wie es mir geht und die mir alle Daumen drückt. Ich freue mich riesig. Wir verabreden uns gleich für das nächste Laufevent. Auch das ist Supermarathon.

Mir geht es immer noch gut, Elke kämpft mit dem letzten heftigen Anstieg, der fast das Aus für sie bedeutet hätte. Ich habe Angst um sie, aber sie erholt sich rasch wieder. Wir können weiter gehen. Langsam zwar. Laufen geht noch nicht, Aber wir kommen vorwärts. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Ziel. Ich versuche sie immer und immer wieder zu motivieren und ihr Mut zu machen. Elke hat ein Kämpferherz.
Mittlerweile sind es weniger als 10km, die noch vor uns liegen. Es geht fast nur noch bergab. Das Ziel naht. Wir laufen langsam den Berg hinab. Die Zeit wird zwar knapp, aber wir werden es schaffen. Elke will mich wegschicken, aber ich werde sie nicht allein zurücklassen. Sich gegenseitig zu helfen - auch das ist Supermarathon.

2km vorm Ziel sehen wir Klaus, der uns entgegenkam und uns ins Ziel begleiten wollte. Wir haben uns sooo gefreut. Mittlerweile hörten wir die Musik vom Sportplatz, das Ziel war sozusagen in „Hörweite“. Jetzt kam uns Ecki entgegen und begleitete uns ebenfalls ins Ziel. Da stand Schildkröte und jubelte uns zu, Esther fotografierte uns und flitzte mit der Kamera in Richtung Ziel.

Es begann das „Styling“ für den Zieleinlauf.  Ich zog meine Jacke aus. Schließlich wollte ich mit meinem grünen Rennsteiglaufvereinsshirt einlaufen.
Als wir von weiten den Zieleinlaufkanal sahen, brachen alle Dämme.
Hand in Hand liefen wir ein.

Jürgen war da und begrüßte uns 100m vorm Ziel. Ich hatte das Gefühl, die letzten Meter zu schweben. Alles war locker und leicht. Die Tränen liefen und ich freute mich so unbeschreiblich. Wir haben es geschafft! Wir haben den Supermarathon auf dem Rennsteig erfolgreich gefinisht und dürfen mit Stolz das gelbe Finishershirt tragen!

Zieleinlauf 2

 

Zieleinlauf 3

 

Bild von Marianne

 


Glücklich lagen wir uns in den Armen. Alle unsere Freunde waren da. Harald hängte uns persönlich die Medaille um. Mein Mann war da und freute sich riesig mit mir. Ramona, Klaus, Esther, Harald, Ecki, Vroni – alle haben sie auf uns gewartet und uns einen wunderschönen Zieleinlauf zu später Stunde beschert...
Ich ließ meinen Tränen freien Lauf und ich wußte: Im nächsten Jahr werde ich wieder dabei sein. Es muß ein Virus durch die Thüringer Luft schwirren, den man nur sehr schwer entkommen kann. Eigentlich geht das gar nicht.

Man muß wiederkommen.

 

Endorphine

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xxxxx 05/25/2010 20:21



Liebe Angela,


vielen, vielen Dank für deine Glückwünsche!


Bitte gib nie die Hoffnung auf - Du WIRST wieder laufen können, davon bin ich ganz fest überzeugt. Ich drücke dir ganz fest die Daumen! Irgendwann laufen wir beide zusammen einen Marathon!


Jetzt aber freue ich mich erst einmal auf unser gemeinsames Event im Juli. Noch 39 Tage!


Viele liebe Grüße


Petra



Oschmann,Angela 05/25/2010 10:10



Meine besten Wünsche hast Du ja sowiso, liebe Petra. Dein Bericht ist wirklich schön und sorgt für Gänsehautfeeling. Zumindest bei mir.


Da ja leider unser Gesundheitswesen schwer erkrankt ist, muss ich es auch noch eine Weile bleiben. Aber ich merke- je länger ich nicht laufen kann- desto mehr habe ich das Gefühl ich werde es nie
mehr tun können. Im Moment gebe ich die Hoffnung noch nicht auf, dass es auch in diesem Land Ärzte geben könnte, die den Namen auch verdienen.


Die besten Wünsche aber für Dich von Angela



Petra 05/19/2010 22:12



Hallo lieber Holger,


manchmal ist es auch ganz gut, wenn man die Strecke nicht genau kennt. Ich kann mich z.B. nicht an den Sperrhügel errinnern, weil ich gar nicht weiß, welcher Berg der Sperrhügel war...


Zu dem anderen Thrma melde ich mich mal auf deinem Blog.


Viele liebe Grüße


Petra


 



Holger 05/19/2010 09:35



Hallo liebe Petra,
hab vielen Dank für deinen stimmungsvollen Bericht! Hast du auch über die "Etappeneinteilung" im Kopf nachgedacht? Ich teile Inselsberg-Grenzadler nochmal im nächsten Jahr, damit der Sperrhügel
nicht zur mentalen Falle wird. Das ist schon erstaunlich, wie sich die Erlebnisse gleichen - ein wunderschönes Abenteuer, das nach Wiederholung ruft! Leider sehen das nicht alle so, schau mal in
meinen Blog ("Konsequenzen"). Du weißt sicher, wen ich da meine. Dieses Laufwunder der anderen Art hätte ich mir gern erspart.
Also erhol dich erst mal gut und sei lieb gegrüßt!
Holger


 



Petra 05/18/2010 22:11



Liebe elke,


daran denke ich auch sehr oft - das war ein toller Teammarathon mit euch beiden. Wer weiß - vielleicht können wir das ja irgendwann mal wiederholen?


Viele liebe Grüße


Petra