Artikel teilen! Eine neue Dimension: Was für eine spannende Zeit! Jeder Tag gibt es neue Herausforderungen - erst wochenlanger tiefster Frost, Schnee, Eisglätt ...
Was für eine spannende Zeit! Jeder Tag gibt es neue Herausforderungen - erst wochenlanger tiefster Frost, Schnee, Eisglätte - zwischendurch Tauwetter, ein wunderschöner Frühlingstag und nun ein Gemisch von Hochwasser, freien laufbaren Strecken, Matsch und immer noch streckenweise Glätte.
Was für ein Täglichläufer- Eldorado!
Zu all dem kam heute noch dichtester, gefrierender Nebel hinzu - ein Mischung, wie sie schöner nicht sein konnte.
Obwohl es schon dunkel war, wollte ich hinaus aus der Stadt, den Mythos der Nebelschwaden und der überfluteten Felder erkunden. Hinauslaufen - soweit es geht. Mich einfach mal trauen, hinaus in Dunkelheit zu laufen.
Obwohl ich die Stirnlampe eigentlich nicht mag, nahm ich sie mit - jedoch vorerst ohne sie einzuschalten. Auf den ersten Kilometern war es auch noch nicht notwendig. Noch schimmerten die Lichter des Ortes am Ufer der Nidda. Ein stolzer Flußreiher watet am Rande des Wassers. Er fühlt sich sichtlich wohl in seinem Metier und wartet erhobenen Hauptes auf Beute. Er läßt sich nicht ein bischen von mir beeindrucken.
Während ich völlig fasziniert den Reiher beobachte, laufe ich fast in den Sperr-Balken. Gerade noch rechtzeitig kann ich stoppen und notgedrungenermaßen umkehren. Hier geht es nicht weiter, die Unterführung unter der Niddabrücke ist gesperrt.
Also versuche ich es in der anderen Richtung. Der Boden ist mittlerweile fast eisfrei. Es läuft sich toll, endlich habe ich wieder das Gefühl, vorwärts zukommen. Automatisch werde ich schneller und schneller. Aber immer wieder bremsen mich vereiste Stellen. Ich muß höllisch aufpassen und bin jetzt doch froh, die Lampe dabei zu haben.
Mittlerweile habe ich den Ort hinter mir gelassen. Der Nebel wird immer dichter, die Gräser sind mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Es sieht gespenstisch aus, wenn ich sie mit meiner Lampe anleuchte. Die Luft ist feucht und ich kann durch meine Brille kaum noch etwas sehen.
Ich entschließe mich, die Brille abzunehmen und die Lampe auszumachen. Schnell gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Ich sehe nicht viel, aber es reicht, um sicher vorwärts zu kommen. Links von mir plätschert die Nidda, die gewaltigen Wassermassen schlängeln sich durchs Flußbett. Das Wasser ist so hoch wie mein Laufweg. Nur etwa 1 Meter Damm trennen uns. Ich sehe das Wasser kaum - aber ich kann es spüren - und hören.
Auf der rechten Seite spiegeln sich im weiten Feld die Lichter des Nachbarortes. Auch hier ist alles voller Wasser - gespenstig und zugleich wunderschön.
Auch hier laufe ich, bis es nicht mehr geht. Vor mir ist auch mein Weg voller Wasser und ich kann in der Dunkelheit nicht einschätzen, ob ich durchkomme. Wie gern wäre ich weitergelaufen, aber die Vernunft läßt mich auch hier umkehren.
Also begebe ich mich auch auf den Rückweg. Laufe immer schneller, laufe fast nur nach Gehör. Unter mir knirschen Steine unter den Schuhen. Kein Geräusch der Zivilisation dringt zu mir. In mir strömt eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit. Ich nehme meine Außenwelt kaum noch wahr, bin tief in meinen Gedanken versunken. Ich laufe - und merke es eigentlich gar nicht mehr. Wie im Trance. Werde erst wach, als ich wieder vor meiner Haustür stehe.
Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Man muß es erleben. Es ist wie eine neue Dimension.
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