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Veröffentlicht von Petra

Was für eine spannende Zeit! Jeder Tag gibt es neue Herausforderungen - erst wochenlanger tiefster Frost, Schnee, Eisglätte - zwischendurch Tauwetter, ein wunderschöner Frühlingstag und nun ein Gemisch von Hochwasser, freien laufbaren Strecken, Matsch und immer noch streckenweise Glätte. 

Was für ein Täglichläufer- Eldorado!

Zu all dem kam heute noch dichtester, gefrierender Nebel hinzu - ein Mischung, wie sie schöner nicht sein konnte.

Obwohl es schon dunkel war, wollte ich hinaus aus der Stadt, den Mythos der Nebelschwaden und der überfluteten Felder erkunden. Hinauslaufen - soweit es geht. Mich einfach mal  trauen, hinaus in Dunkelheit zu laufen.

Obwohl ich die Stirnlampe eigentlich nicht mag, nahm ich sie mit - jedoch vorerst ohne sie einzuschalten. Auf den ersten Kilometern war es auch noch nicht notwendig. Noch schimmerten die Lichter des Ortes am Ufer der Nidda. Ein stolzer Flußreiher watet am Rande des Wassers. Er fühlt sich sichtlich wohl in seinem Metier und wartet erhobenen Hauptes auf Beute. Er läßt sich nicht ein bischen von mir beeindrucken.

Während ich völlig fasziniert den Reiher beobachte, laufe ich fast in den Sperr-Balken. Gerade noch rechtzeitig kann ich stoppen und notgedrungenermaßen umkehren. Hier geht es nicht weiter, die Unterführung unter der Niddabrücke ist gesperrt.

Also versuche ich es in der anderen Richtung. Der Boden ist mittlerweile fast eisfrei. Es läuft sich toll, endlich habe ich wieder das Gefühl, vorwärts zukommen. Automatisch werde ich schneller und schneller. Aber immer wieder bremsen mich vereiste Stellen. Ich muß höllisch aufpassen und bin jetzt doch froh, die Lampe dabei zu haben.

Mittlerweile habe ich den Ort hinter mir gelassen. Der Nebel wird immer dichter, die Gräser sind mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Es sieht gespenstisch aus, wenn ich sie mit meiner Lampe anleuchte. Die Luft ist feucht und ich kann durch meine Brille kaum noch etwas sehen.

Ich entschließe mich, die Brille abzunehmen und die Lampe auszumachen. Schnell gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Ich sehe nicht viel, aber es reicht, um sicher vorwärts zu kommen. Links von mir plätschert die Nidda, die gewaltigen Wassermassen schlängeln sich durchs Flußbett. Das Wasser ist so hoch wie mein Laufweg. Nur etwa 1 Meter Damm trennen uns. Ich sehe das Wasser kaum - aber ich kann es spüren - und hören.

Auf der rechten Seite spiegeln sich im weiten Feld die Lichter des Nachbarortes. Auch hier ist alles voller Wasser - gespenstig und zugleich wunderschön.

Auch hier laufe ich, bis es nicht mehr geht. Vor mir ist auch mein Weg voller Wasser und ich kann in der Dunkelheit nicht einschätzen, ob ich durchkomme. Wie gern wäre ich weitergelaufen, aber die Vernunft läßt mich auch hier umkehren.

Also begebe ich mich auch auf den Rückweg. Laufe immer schneller, laufe fast nur nach Gehör. Unter mir knirschen Steine unter den Schuhen. Kein Geräusch der Zivilisation dringt zu mir. In mir strömt eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit. Ich nehme meine Außenwelt kaum noch wahr, bin tief in meinen Gedanken versunken. Ich laufe - und merke es eigentlich gar nicht mehr. Wie im Trance. Werde erst wach, als ich wieder vor meiner Haustür stehe.

Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Man muß es erleben. Es ist wie eine neue Dimension.

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Petra 01/12/2011 21:22



"- aber was kann die Nacht, der Wald, die Dunkelheit dafür, daß sich die Menschen fürchten?"


Lieber Marcus - so herum haben ich das noch gar nicht gesehen...  Nun muß ich aber ehrlich zugeben, daß ich nicht direkt im Wald war, sondern auf dem Weg an der Nidda, der an der anderen
Seite an große Felder grenzt. Nichtdestotrotz fand ich es so schön, daß ich mich irgendwann auch mal direkt in den dunklen Wald trauen werde . Ich weiß ja einen lieben "Schatten" hinter mir...



Liebe Kornelia,


vielleicht drehen wir im Sommer in Breitscheid ein paar Runden in der Nacht? Das ist zwar nicht das Gleiche, als wenn man allein läuft - aber das Feeling ist doch ähnlich. Dort ist die Strecke
auch nicht so überlaufen, daß man ständig jemand über den Weg läuft.


Ich wünsche euch beiden viele tolle Läufe!


Liebe Grüße


Petra



Kornelia 01/12/2011 16:22



Da hattest Du ja einen richtigen Genußlauf. Meinen Respekt, im Dunkeln habe ich mich bisher nicht wirklich getraut, wenn dann nur die Straße lang. Ich glaube Dir aber gerne, dass das etwas ganz
Besonderes ist. Man nimmt seine Umgebung mit ganz anderen Sinnen war, als sonst, wenn man alles gut sehen kann.


Freut mich sehr, dass Du so einen gelungenen Lauf hattest.


Liebe Grüße


Kornelia



Täglichläufer 01/12/2011 14:03


Ich unterschreibe jeden einzelnen Buchstaben! :) Die meisten Menschen trauen sich nicht im Dunkeln in den Wald - aber was kann die Nacht, der Wald, die Dunkelheit dafür, daß sich die Menschen
fürchten? Ganz ehrlich, ich fühle mich in der Nacht in jedem Wald sicherer als beispielsweise in einer Stadt. Und das im Laufschritt zu genießen, eins werden mit der Dunkelheit, ach ja, herrlich.
Eine schöne Erfahrung, gell? :) Liebe Grüße Marcus


Petra 01/11/2011 20:44



Ja, lieber Marcus - das war was ganz Besonderes. Solch einen Lauf erlebt man nicht jeden Tag - es hat einfach alles gepaßt. Und er war eine neue Erfahrung für mich. Ich habe mich getraut, allein
im Dunkeln außerhalb des Ortes zu laufen. Im tiefen Vertrauen auf alle meine Sinnesorgane - und auf meinen Schatten, der mich verfolgt hat... . Ich habe mich ganz tief darauf eingelassen, habe jegliche Furcht abgestreift. Ich habe meine Umgebung im Dunkeln
wahrgenommen - nicht nur mit den Augen - mit allen Sinnen. Die Lampe hätte all das zerstört - da hast du recht.Zu Hause hatte ich einen totalen Endorphinschub - ich habe mich gar nicht mehr
eingekriegt... Solche Läufe sind es, die das Täglich Laufen so einzigartig machen.


Lieber Steffen,


ich hatte überhaupt keine Angst, daß irgendwas hätte passieren können. Die kleineren Eisreste auf dem Weg waren gut erkennbar, da bin ich ganz vorsichtig gelaufen und als es mir zu gefährlich
wurde, bin ich ja auch umgedreht.


Viele liebe Grüße euch beiden


Petra



Steffen 01/11/2011 15:50



Ich will Dich ja nicht runter holen, aber auf dem Weg hab ich mir vor Jahren in der Dunkelheit mal einen Bänderriss am Fuß geholt als ich im Dunklen gelaufen bin. Stirnlampe ist manchmal gar
nicht schlecht...