Monday, 10. january 2011 1 10 /01 /Jan. /2011 20:00
- Community: Laufen
veröffentlicht in: Laufen und Geniessen

Was für eine spannende Zeit! Jeder Tag gibt es neue Herausforderungen - erst wochenlanger tiefster Frost, Schnee, Eisglätte - zwischendurch Tauwetter, ein wunderschöner Frühlingstag und nun ein Gemisch von Hochwasser, freien laufbaren Strecken, Matsch und immer noch streckenweise Glätte. 

Was für ein Täglichläufer- Eldorado!

Zu all dem kam heute noch dichtester, gefrierender Nebel hinzu - ein Mischung, wie sie schöner nicht sein konnte.

Obwohl es schon dunkel war, wollte ich hinaus aus der Stadt, den Mythos der Nebelschwaden und der überfluteten Felder erkunden. Hinauslaufen - soweit es geht. Mich einfach mal  trauen, hinaus in Dunkelheit zu laufen.

Obwohl ich die Stirnlampe eigentlich nicht mag, nahm ich sie mit - jedoch vorerst ohne sie einzuschalten. Auf den ersten Kilometern war es auch noch nicht notwendig. Noch schimmerten die Lichter des Ortes am Ufer der Nidda. Ein stolzer Flußreiher watet am Rande des Wassers. Er fühlt sich sichtlich wohl in seinem Metier und wartet erhobenen Hauptes auf Beute. Er läßt sich nicht ein bischen von mir beeindrucken.

Während ich völlig fasziniert den Reiher beobachte, laufe ich fast in den Sperr-Balken. Gerade noch rechtzeitig kann ich stoppen und notgedrungenermaßen umkehren. Hier geht es nicht weiter, die Unterführung unter der Niddabrücke ist gesperrt.

Also versuche ich es in der anderen Richtung. Der Boden ist mittlerweile fast eisfrei. Es läuft sich toll, endlich habe ich wieder das Gefühl, vorwärts zukommen. Automatisch werde ich schneller und schneller. Aber immer wieder bremsen mich vereiste Stellen. Ich muß höllisch aufpassen und bin jetzt doch froh, die Lampe dabei zu haben.

Mittlerweile habe ich den Ort hinter mir gelassen. Der Nebel wird immer dichter, die Gräser sind mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Es sieht gespenstisch aus, wenn ich sie mit meiner Lampe anleuchte. Die Luft ist feucht und ich kann durch meine Brille kaum noch etwas sehen.

Ich entschließe mich, die Brille abzunehmen und die Lampe auszumachen. Schnell gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Ich sehe nicht viel, aber es reicht, um sicher vorwärts zu kommen. Links von mir plätschert die Nidda, die gewaltigen Wassermassen schlängeln sich durchs Flußbett. Das Wasser ist so hoch wie mein Laufweg. Nur etwa 1 Meter Damm trennen uns. Ich sehe das Wasser kaum - aber ich kann es spüren - und hören.

Auf der rechten Seite spiegeln sich im weiten Feld die Lichter des Nachbarortes. Auch hier ist alles voller Wasser - gespenstig und zugleich wunderschön.

Auch hier laufe ich, bis es nicht mehr geht. Vor mir ist auch mein Weg voller Wasser und ich kann in der Dunkelheit nicht einschätzen, ob ich durchkomme. Wie gern wäre ich weitergelaufen, aber die Vernunft läßt mich auch hier umkehren.

Also begebe ich mich auch auf den Rückweg. Laufe immer schneller, laufe fast nur nach Gehör. Unter mir knirschen Steine unter den Schuhen. Kein Geräusch der Zivilisation dringt zu mir. In mir strömt eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit. Ich nehme meine Außenwelt kaum noch wahr, bin tief in meinen Gedanken versunken. Ich laufe - und merke es eigentlich gar nicht mehr. Wie im Trance. Werde erst wach, als ich wieder vor meiner Haustür stehe.

Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Man muß es erleben. Es ist wie eine neue Dimension.

von Petra
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Kommentare

Liebe Petra,

da hast Du recht, das muss man erleben.

Aber jede/r, der das schon einmal erlebt hat, kann das verstehen. ;-)

Ich wünsche Dir viele solcher "Selbstvergessener Läufe".

Liebe Grüße

Erika

Kommentarnr1 gepostet von Ika am 10.01.2011 um 21h19

Hallo Petra,

ja das ist die Magie - raus gehen in die Natur und sich Bewegen - Leben halt - es gibt nichts schöneres !!!

LG

Frank

Kommentarnr2 gepostet von Frank am 10.01.2011 um 21h38

Liebe Erika,

ich glaube, diesen Artikel, diese Empfindungen kann nur jemand verstehen, der selbst läuft... Danke für deine Wünsche - hoffentlich gehen sie in Erfüllung!

Lieber Frank,

ja, es gibt einfach nichts Schöneres! Auch wenn  nicht jeder Tag, jeder Lauf gleich schön ist - die Mehrheit der Läufe ist einfach nur großartig!

Viele liebe Grüße euch beiden

Petra

Kommentarnr3 gepostet von Petra am 10.01.2011 um 21h51

Ich finde es auch toll, einfach mal so in der Nacht loszulaufen Allerdings kostet es meist doch erhebliche Überwindung.

Grüße

Jörg

Kommentarnr4 gepostet von Jörg am 10.01.2011 um 22h22

Nicht wenn man täglich läuft - da kostet es keine Überwindung mehr. Laufen tu ich sowieso und ich nehme jedes Wetter und jede Tageszeit an - so wie ich es zeitlich schaffe. Der innere Schweinehund hat sich sozusagen in Luft aufgelöst...

Viele Grüße

Petra

Kommentarnr5 gepostet von Petra am 10.01.2011 um 22h30
Das war ein grandioser Lauf, liebe Petra! Hast Du den dunklen Schatten bemerkt, der Dich permanent verfolgte und den Du für einen Geist gehalten hast? Das war ich und lief mit Dir. :) Wie schön, daß wir Deinen Lauf hier nachlesen dürfen, das macht richtig Freude – vielen Dank dafür. Bei diesen Witterungsverhältnissen im Dunkeln zu laufen, setzt voraus, daß man sein Areal perfekt kennt und somit am Ende nicht im Wasser landet. Und sehr weise, daß Du die Stirnlampe ausgeschaltet hast, die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und die Atmosphäre, die im Dunkeln entsteht, ist derart einzigartig, daß die Lampe alles zerstören würde. „Wie im Trance. Werde erst wach, als ich wieder vor meiner Haustür stehe. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Man muß es erleben. Es ist wie eine neue Dimension“ - Ich kenne das Gefühl. Unbeschreiblich schön, genieße es, wann immer sich Dir die Möglichkeit dazu bietet – das ist etwas Besonderes. Liebe Grüße Marcus
Kommentarnr6 gepostet von Täglichläufer am 11.01.2011 um 14h21

Ich will Dich ja nicht runter holen, aber auf dem Weg hab ich mir vor Jahren in der Dunkelheit mal einen Bänderriss am Fuß geholt als ich im Dunklen gelaufen bin. Stirnlampe ist manchmal gar nicht schlecht...

Kommentarnr7 gepostet von Steffen am 11.01.2011 um 15h50

Ja, lieber Marcus - das war was ganz Besonderes. Solch einen Lauf erlebt man nicht jeden Tag - es hat einfach alles gepaßt. Und er war eine neue Erfahrung für mich. Ich habe mich getraut, allein im Dunkeln außerhalb des Ortes zu laufen. Im tiefen Vertrauen auf alle meine Sinnesorgane - und auf meinen Schatten, der mich verfolgt hat... . Ich habe mich ganz tief darauf eingelassen, habe jegliche Furcht abgestreift. Ich habe meine Umgebung im Dunkeln wahrgenommen - nicht nur mit den Augen - mit allen Sinnen. Die Lampe hätte all das zerstört - da hast du recht.Zu Hause hatte ich einen totalen Endorphinschub - ich habe mich gar nicht mehr eingekriegt... Solche Läufe sind es, die das Täglich Laufen so einzigartig machen.

Lieber Steffen,

ich hatte überhaupt keine Angst, daß irgendwas hätte passieren können. Die kleineren Eisreste auf dem Weg waren gut erkennbar, da bin ich ganz vorsichtig gelaufen und als es mir zu gefährlich wurde, bin ich ja auch umgedreht.

Viele liebe Grüße euch beiden

Petra

Kommentarnr8 gepostet von Petra am 11.01.2011 um 20h44
Ich unterschreibe jeden einzelnen Buchstaben! :) Die meisten Menschen trauen sich nicht im Dunkeln in den Wald - aber was kann die Nacht, der Wald, die Dunkelheit dafür, daß sich die Menschen fürchten? Ganz ehrlich, ich fühle mich in der Nacht in jedem Wald sicherer als beispielsweise in einer Stadt. Und das im Laufschritt zu genießen, eins werden mit der Dunkelheit, ach ja, herrlich. Eine schöne Erfahrung, gell? :) Liebe Grüße Marcus
Kommentarnr9 gepostet von Täglichläufer am 12.01.2011 um 14h03

Da hattest Du ja einen richtigen Genußlauf. Meinen Respekt, im Dunkeln habe ich mich bisher nicht wirklich getraut, wenn dann nur die Straße lang. Ich glaube Dir aber gerne, dass das etwas ganz Besonderes ist. Man nimmt seine Umgebung mit ganz anderen Sinnen war, als sonst, wenn man alles gut sehen kann.

Freut mich sehr, dass Du so einen gelungenen Lauf hattest.

Liebe Grüße

Kornelia

Kommentarnr10 gepostet von Kornelia am 12.01.2011 um 16h22

"- aber was kann die Nacht, der Wald, die Dunkelheit dafür, daß sich die Menschen fürchten?"

Lieber Marcus - so herum haben ich das noch gar nicht gesehen...  Nun muß ich aber ehrlich zugeben, daß ich nicht direkt im Wald war, sondern auf dem Weg an der Nidda, der an der anderen Seite an große Felder grenzt. Nichtdestotrotz fand ich es so schön, daß ich mich irgendwann auch mal direkt in den dunklen Wald trauen werde . Ich weiß ja einen lieben "Schatten" hinter mir...

Liebe Kornelia,

vielleicht drehen wir im Sommer in Breitscheid ein paar Runden in der Nacht? Das ist zwar nicht das Gleiche, als wenn man allein läuft - aber das Feeling ist doch ähnlich. Dort ist die Strecke auch nicht so überlaufen, daß man ständig jemand über den Weg läuft.

Ich wünsche euch beiden viele tolle Läufe!

Liebe Grüße

Petra

Kommentarnr11 gepostet von Petra am 12.01.2011 um 21h22

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