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Veröffentlicht von Petra

Da habe ich nun also am Wendepunkt ordentlich gegessen und getrunken, bin frisch umgezogen. Der Rückweg kann beginnen. Auch Moni war inzwischen eingetroffen. Es war schön zu hören, dass ihr Knie hält und die Schmerzen verschwunden waren.
14:53 mache ich mich auf den Rückweg, 7 Minuten vor der cut-off Zeit. 10 Stunden Zeit für den Rückweg. Klingt ziemlich viel….

Min Hefeweizen scheint zu wirken. Hefeweizen ist isotonisch. Und isotonische Getränke sind sind ja bekanntermaßen leistungs- und regenerationsfördernd. Allerdings ohne Alkohol.
Die Wirkung eines Hefeweizens spürte ich erstmalig beim Mauerweglauf 2011, als mir das erstmalig während eines Laufes angeboten wurde. Danach konnte ich rennen wie ein junges Reh… Auch diesmal setzte die Wirkung ein. Es lief wieder gut, frisch erholt konnte ich die nächsten Kilometer ohne Gehpause laufen. Trotzdem war schon jetzt klar, dass ich in die Dunkelheit hineinlaufen würde. Aber noch war es weit bis dahin. Ich rechnete mir aus, dass ich 40km im Hellen schaffen könnte und den Rest dann per Roadbook. Den Heidschnuckenweg jedenfalls wollte ich hinter mir gelassen haben.
Da meine Uhr streikt, muss ich mich völlig auf meine Erinnerung verlassen. Was kam wo? Wann bin ich wo abgebogen? Wo muß das „H“ sein?
Bis zum Hotel Krone in Handeloh läuft alles super, kein Verlaufen, alles ist o.k.. Ich überquere de Bahngleise. Irgendwo nach ein paar hundert Metern muß ich nach rechts abbiegen. Aber kein „H“ zu sehen… Auf meine Frage an einen Anwohner bekam ich nur einen erstaunten Blick. Er wohnt hier und kennt den Heidschnuckenweg nicht?
Wie von Frank empfohlen, laufe ich zurück und finde den Weg. Nun ging es über einen herrlichen Pfad weiter. Hier konnte man sich wenigstens nicht verlaufen…
Die Beine werden nun  deutlich schwerer. Der Boden ist schwer zu belaufen. Es wechseln sich sandige Passagen, mit Wurzelpfaden, matschigen und trockenen Strecken ab. Bergauf gehe ich nun. Ich will Kräfte sparen. Noch ist der Weg sehr weit.

Bald musste die erste Verpflegungsstelle von Susanne, Marc und Rainer kommen. Aber es ziiiieht sich… Mein Telefon klingelt. Rainer will wissen wo ich bin. Irgendwo im Wald. Ob ich die Straße sehe? Fehlanzeige. Autos? Höre ich auch nicht….
Bin ich vorbeigelaufen? Aber ich habe doch kürzlich erst ein „H“ gesehen… Hier das nächste! Ich atme hörbar auf. Wenige Minuten später höre ich Autos. Die Straße! Dann  sehe ich das Verpflegungsauto. Marc und Rainer versorgen mich: mit Heftpflaster, neuen Batterien (danke, Marc!) einer frisch aufgefüllten Trink-Flasche und in paar kleinen Snacks. Erstaunlicherweise kann ich schon wieder was essen, wenn auch nicht viel.
Ich wechsle nochmal das verschwitzte Shirt und fühle mich gleich wohler. Auch die Schuhe wechsle ich. Meine Lieblingsschuhe habe ich zu Hause vergessen. Nun muss ich ein paar neue Schuhe anziehen, die nicht so richtig eingelaufen sind. Ein Risiko, aber ich habe ein gutes Gefühl.
Noch etwa 34km. Ein Drittel noch – wenn man die Originalstrecke zu Grunde legt. Es ist 17:30 als ich Susanne, Marc und Rainer verlasse. Sie warten noch auf Moni, dann können sie zum Ziel fahren und im warmen Wohnzimmer von Elke und Frank auf uns warten.

Ich teile mir die nächste Etappe bis zur nächsten Verpflegung in mehrere Abschnitte ein, jedenfalls gedanklich. Der nächste Punkt wird die nette Familie Pechtl sein, die extra wegen uns eine kleine Heidschnucke vor ihr Haus gestellt haben. Leider die einzige Heidschnucke, die wir zu Gesicht bekommen haben…


Ich laufe wieder hinauf auf den wunderschönen Heidehügel. Jetzt weiß ich, wo es lang geht. Noch besser geht es auf der anderen Seite wieder runter. Ich kann es laufen lassen. Während ich mich so treiben lasse, bin ich einen Moment unaufmerksam und stolpere über eine Wurzel. Ich kann nicht mehr stoppen und falle auf die linke Seite, heute schon zum 2. Mal. Ich bleibe einen Moment sitzen, sortiere mich und meine Knochen. Es schein alles so halbwegs heil zu sein. Später stellt sich heraus, dass es bei einem großen blauen Fleck am Oberschenkel und einem schmerzenden Oberarm geblieben ist. Alles ist gut, denke ich, stehe auf und laufe weiter.

Gleich muss ich scharf links hoch und dann rechts. So hab ich es in Erinnerung.
Hier ist das „H“ das nach links weist. Nun müßte ich nach rechts laufen, aber das „H“ weist nach links. Stop – hier ist noch ein „H“ – das führt gerade aus… Was nun? Ich bin ziemlich ratlos, ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn ich nach links laufe, laufe ich in die Richtung, aus der ich gekommen bin… Scheint nicht richtig zu sein. Ich probiere die Strecke gerade aus, aber da kommt kein „Bestätigungs- H“. Also wieder zurück und nach links. Da kommt gar nichts mehr…

Weiter unten auf dem Parallelweg sehe ich einen Biker. Ich rufen ihn und bitte um Hilfe, da mir mittlerweile zum Heulen zumute war. Er begleitet mich ein Stück zurück und erklärt mir, dass ich über den Berg muss – also wäre die Geradeausstrecke die richtig gewesen. Ich suche nun diesen Weg und laufe über den Berg – und irgendwann kommt auch wieder ein „H“. Ich beruhige mich und kann nun auch wieder laufen. #

Die auf dem road book eingezeichnete Bahnstrecke müsste eigentlich auf der anderen Seite sein… Ich fragte sicherheitshalber einen anderen Biker, ob das der Weg nach Buchholz sei. Er war es.

Es ging wieder leichter. Bald bin ich auch wieder bei Familie Pechtl. Sie wollen beim nächsten Mal die Strecke vorher abfahren und Luftballons aufhängen. Gute Idee, das muss ich gleich Frank im Ziel erzählen. Aber bis dahin ist es noch weit. Ich habe 1½ Stunden für 6km gebraucht. Bloß nicht hochrechnen!

Ich überquerte die Bahnhofsbrücke. Ohne Fahrstuhl, ich laufe die Treppen. Das ist Ehrensache. Ich komme vorbei an der Stelle, an der uns heute früh Ramona angerufen hat. Mein Handy piepst wieder. Eine SMS von Elke, die an mich denkt und mir noch viel Glück wünscht. Das kann ich gebrauchen.

Die Dunkelheit naht und mit ihr eine lange, schwierige Waldstrecke. Ich fühle Panik in mir aufsteigen. Ich überlege, ob ich die Sache abbrechen soll, noch bis zur nächsten Verpflegungsstelle laufen und dann ins Auto steigen soll. Es geht mir grade ziemlich schlecht, als das Handy wieder klingelt. Es ist Marianne. Wie freue ich mich über diesen Anruf! Es passiert mir selten, aber ich lasse all meinen Frust und meine Panik bei Marianne ab… Aber ich bin so froh in diesem Moment, mit jemanden reden zu können. Ich fühle mich ziemlich allein.
Marianne erzählt mir, dass sich Moni nochmal heftigst verlaufen hat. Ich bedaure, dass wir uns getrennt haben. Wir hätten zusammen bleiben sollen, dann wäre es vielleicht nicht soooo schwer geworden. Für beide nicht.

Wieder kommt so eine unklare Stelle. An  der Autobahn. Auf der Karte sieht es nicht so aus, dass ich drüber muss. Aber laut meiner Erinnerung muss ich sie überqueren… Ich laufe drüber, wieder zurück, finde jemand, den ich fragen kann, überquere die Brücke erneut, biege nach rechts. Meine Unsicherheit wächst ins Unermessliche. Bis ich das nächste „H“ sehe.

Die Sonne wird sich bald verabschieden. Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Der Wald ist schon recht grau. Ich komm zur letzten Verpflegungsstelle. Fritz macht mir ein Toast. Ich trinke Karamalz, hole die Stirnlampe raus, schalte sie aber noch nicht ein. Ich schnappe mir mein Toast und esse im Weitergehen. Ängstlich schaue ich nach jedem „H“. Ein weiteres Verlaufen wäre der „worst case“.


Noch einmal laufe ich entlang eines Feldes. Die Sonne steht ganz tief. Auf der Wiese beäugen mich ein paar Rehe. Sie haben keine Angst vor mir und ich beschließe, auch keine Angst vor ihnen zu haben. Ich denke nicht mehr ans Aufhören, auch wenn mir nicht wohl dabei ist.
Nun geht es hinein in den Wald und es ist dunkel. Ich schalte die Lampe ein. Es knackt im Gebüsch. Ich schalte mein Musikhandy ein und stöpsel mir die Musik in die Ohren. Es läuft das Rennsteiglied, und einige andere meiner Lieblingslieder, Das macht den Weg erträglicher.

Ich gehe jetzt nur noch. Der Radius der Lampe lässt mir keine Wahl. Entweder ich leuchte nach oben, um die „H“s zu finden, oder nach unten, um den Weg auszuleuchten. Ich entscheide mich für die „H“s, die sind wichtiger fürs „Überleben“ des Laufes. Mittlerweile ist mir völlig wurscht, wie viel Zeit ich noch brauche. Ich wollte nur ins Ziel kommen. Ich komme an die Stelle, an der wir uns heute morgen so heftig verlaufen hatten. Komischerweise komme ich da jetzt gut durch. Ich gehe langsam, H für H. Immer wieder froh, eins zu sehen. Irgendwann ist Schluss, ich sehe kein H mehr. Dafür lässt etwas Anderes mein Herz höher schlagen. Ich sehe die Lichter vorbeifahrender Autos. Ich bin am Ende des Heidschnuckenweges – ich bin wieder in der Zivilisation!

In diesem Moment klingelt mein Handy. Es ist Marianne, die sich Sorgen macht. Ich freue mich riesig über den Anruf. Ich bin raus aus dem Wald! Ich sage ihr, dass es mir nun wieder besser geht. Nun ziehe ich den Rest auch noch durch.
Ich hole mein Roadbook raus und stelle nach einem Kilometer fest, dass ich wieder rein muss in den Wald.  Aber nun ist der Weg breiter  und an den Kreuzungen sehe ich die Markierung von Frank und Fritz. Ich kann sogar mal wieder ein paar Meter laufen. Als ich dann wieder in „belebterer“ Gebiete komme und an Straßen entlang laufe, schalte ich das Handy aus und laufe von Kreuzung zu Kreuzung, immer wieder das Roadbook checkend.
Es ist mühsam, aber Verlaufen wäre schlimmer.

Etwa 5km vorm Ziel ruft mich Frank an. Ich glaub er war ganz froh, als er erfuhr, dass ich noch (oder besser gesagt wieder) auf dem rechten Weg war. Er setzte sich aufs Rad und kam mir entgegen. Das war die größte Freude, die er mir in diesem Moment machen konnte! Als er auf mich zukam, fiel mir eine Last von den Schultern. Ich schaltete mein Gehirn aus und folgte seinem Rad. Es war kurz nach Mitternacht. Einem Täglich-Läufer fällt dabei zuerst der Streak ein. Also beschloss ich, diesen jetzt zu laufen. Und das ging ohne Probleme, zu meinem Glück ging es nur bergab.

Nun waren es nur noch 200 Meter. Ich laufe diese hinauf und sehe das Ziel. Alle, die noch da sind, stehen draußen und haben Wunderkerzen an. Ich habe Gänsehaut und laufe glücklich ins Ziel. Ich bin da! Ich habe es geschafft!
Ich genieße die Dusche, das leckere Essen, das Zusammensein mit den anderen. Ich bin angekommen!!!!!!!!! Und bekam noch ein tolle Ostseesteinchens, die Medaille sozusagen....


Vielen, vielen Dank, liebe Elke und lieber Frank für diesen Lauf, der mir so viel abverlangt hat und der mich mental hat wachsen lassen. Und ich habe meine Angst überwunden. Ich fühle mich stärker als vorher.
Nun weiß ich, dass mich so schnell nichts mehr umhauen kann. Und einen ganz lieben Dank an die liebevolle Betreuung an den Verpflegungsstellen. Es war einfach ein supertolles Erlebnis!

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Petra 05/13/2013 22:26


Hi Frank,


die habe ich leider nicht gesehen... Aber da war es wirklich schon dunkel und die schnuckeligen Schnucken haben da bestimmt schon geschlafen :)


Liebe Grüße


Petra

Frank 05/08/2013 11:01


Hallo Petra,


vielen Dank auch für Deinen emotionalen Bericht. Schön, dass wir Dich zu den Teilnehmern zählen durften. Übrigens, Du bist an echten Heidschnucken vorbeigelaufen, ca. 7 km vor dem Ziel, an der
letzten Wasserstelle. Da ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Wiese mit Schnucken. Naja, war dunkel und die Konzentration war auf den Streckenmarkierungen.


Liebe Grüße


Frank

Petra 05/05/2013 21:37


Dankeschön, lieber Marcus!


Ich war schn ein wenig traurig, dáß ich so überhaupt keine Heidschnucke zu Gesicht bekommen habe... Nur das kleine Deko-Schäfchen....


Aber ich war dort bestimmt nicht zum letzten Mal, es war wunderschön dort. Vielleicht klappt es dann ja irgendwann mit einer heidigen Schnucke auf dem Heidschnuckenweg 


Dort läßt`s sich toll laufen - und es müssen ja keine 100km sein


Viele liebe Grüße


Petra

Täglichläufer 05/02/2013 10:23

Da passen meine Photos von meinem letzten Artikel perfekt dazu - das sind nämlich heidige Schnucken. ;)) Ich gratuliere Dir zu Deinem Sieg, liebe Petra. Das macht stolz, gell? Vielleicht laufe ich
eines Tages auch mal so viel, um mitreden zu dürfen. :) Liebe Grüße, Marcus

Petra 05/01/2013 22:27


Vielen Dank, liebe Pe für Deine Glückwünsche!