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Veröffentlicht von Petra

Seit Tagen habe ich diesem Tag entgegengefiebert: meinem ersten Ultra, mit über tausend Höhenmetern, im Rahmen einer 2x50km Staffel beim Thüringen Ultra in Fröttstädt.
Bereits Freitag Mittag fuhren wir los, den Kofferraum voller Gepäck, einem "geliehenen"  Zelt, Isomatten und Schlafsäcken. Eine gehörige Portion Aufregung und Nervosität fuhr ebenfalls mit. Ich war hibbelig und nervös wie vor meinen ersten Marathon.
Das wir noch einmal zelten würden, hätte ich mir auch nicht mehr vorstellen können, aber die traumhafte Atmosphäre des Thüringen Ultra hatte mich im letzten Jahr angesteckt.
Kurz nach unserer Ankunft trafen wir uns mit meinem Staffelpartner Achim und unserer charmanten Radbegleiterin Angela, die uns die komlette Strecke von 100km umsorgen wollte.Während ich Angela schon vom Rennsteiglauf kannte, lernte Ich Achim und seine Frau Heike erst an diesem Abend kennen.
Gemeinsam bauten die Männer das Zelt auf, wir verbrachten ein paar schöne Stunden und planten die Details des Laufes.  Rainer und Heike planten die Autobegleitung.
Da die Nacht sehr kurz werden würde, verabschiedeten wir uns und versuchten, wenigstens ein paar Stunden zu schlafen. Aber daran war gar nicht zu denken. Eine Mischung von Lärm auf dem Sportplatz und der eigenen Aufregung verhinderten dies gründlich. So war ich froh, daß ich gegen halb 4 endlich aufstehen konnte.


Zunächst verabschiedeten wir die 100km Läufer, die sich - noch im Dunkeln und flankiert von einem genialen Schwedenfeuer - auf ihren langen Weg machten. 100km - was für ein Weg! Meine Wünsche galten all diesen Läufern Mein Vorhaben, 50km zu laufen erschien mir mit einem mal sooooo klein....

Beim anschließenden kleinen Frühstück merkte ich schon, daß mein Magen rebellierte und ich nicht mal mein geliebtes Obst so richtig runter brachte. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, aber ich hoffte, daß sich der Druck auf den Magen legen würde.
Die Stunde bis zum Start der Staffeln verging wie im Flug - so schnell, daß ich keine Zeit mehr hatte, mich verrückt zu machen. Unsere Staffelbegleiterin Angela war inzwischen eingetroffen und alles "Ultraüberlebensnotwendige" war im Rucksack verstaut.
Pünktlich 5.00Uhr ging es nun auch für die Staffeln los. Endlich!!!!
Schon nach kurzer Zeit merkte ich, daß ich wohl ein ganz einsames Rennen von hinten machen würde und war sooo froh, daß Angela bei mir war. Vielleicht lies ich mich gerade deshalb auf diesen ersten, flachen und leichten Kilometern dazu verleiten, zu schnell anzugehen.
Obwohl: es lief gut und ich genoß die schöne Strecke. Mittlerweile hatte ich 2 Radbegleiter - auch das "Besenrad" war nun bei mir. Aber einer muß schließlich Letzter sein und ich nahm`s mit Humor.
Nach etwa 20km kam der erste große und megasteile Anstieg, den ich von vornherein gehen wollte. Trotzdem legte ich all meine Kraft in diesen Berg, um möglichst wenig Zeit zu verlieren. Oben angekommen, merkte ich, daß ich mich total verausgabt hatte und meine Muskeln begannen zu streiken. Eine Salztablette verhinderte Krämpfe, aber nicht die Magenprobleme und Übelkeit. Und dabei waren doch erst 24km und damit nichtmal die Hälfte der Distanz geschafft. Ich ahnte nichts Gutes, kämpfte mich aber nach der Ruhlaer Skihütte weiter in Richtung Brotterode. Es ging nichts mehr und ans Laufen war überhaupt nicht mehr zu denken. Da ich  nicht lief wurde mir sehr schnell kalt, aber Angela hatte glücklicherweise eine Weste in ihrem Rucksack, die sie mir geben konnte.
In Gedanken verabschiedete ich mich vom Ultratraum und äußerte zum ersten Mal in meinem Läuferleben den Gedanken ans Austeigen. Nur der Gedanke an Achim motivierte mich, weiter zu kämpfen. Wie auch immer - er hatte es verdient, daß ich mich zusammenreiße und den Chip nach Floh Seligental bringe.

Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, daß dies mein letzer Ultra sein würde. Nie wieder, schwor ich mir!
Angela hatte Achim und unsere Autobegleiter inzwischen angerufen und ihnen gesagt, daß ich einige Zeit später als geplant an der Grenzwiese bei km 34 eintreffen würde. Ich freute mich darauf, dort alle zu treffen und war mir sicher, daß mir keiner einen Vorwurf machen würde. Kurz vor der Grenzweise ging es ein Stück bergab und ich versuchte, zu laufen. Angela war ein Stück vorgefahren, um mir ein Gel mit Wasser zu mixen.
Ich wollte wenigstens laufend zum Verpflegungspunkt   der Grenzwiese kommen, was mir auch gelang. Ich hatte auf den letzten 9km fast 2 Stunden gebraucht - aber sie empfingen mich wie eine Siegerin: Achim, Heike, Rainer und Angela. Alle freuten sich mit mir, daß ich nicht aufgegeben habe und weiter kämpfe. In diesem Moment versprach ich Achim, daß ich auf jeden Fall in Floh Seligental ankommen werde. In diesem Moment wußte ich es: ich werde es schaffen!
Wie beflügelt lief ich weiter. Vergessen war das Tief, die Krise - es lief einfach wieder, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich konnte sogar wieder die Schönheit der Laufstrecke genießen und es dauerte auch nicht lange bis wir an der nächsten Verpflegungsstelle am Gänsberg ankamen. Währen Angela einem Hund erklärte, daß dies ein Gänsberg ist und dort ein Hund gar nicht hingehöre (was ihn aber nicht interessiert hat), freute ich mich, die anderen noch einmal zutreffen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, daß mir Flügel wachsen würden. Gehpausen? Fehlanzeige. Es  lief wieder !!!
Als mir Angela zurief, daß wir jetzt die Marathondistanz bewältigt haben, hat mich dies überhaupt nicht berührt. Es war nicht der Punkt gekommen, an dem Schluß ist. Schluß ist bei 50 - eigentlich bei 51km in Floh Seligental! Alles was ich bisher über Ultras gelesen hatte, schien zu stimmen. Ultras läuft man mit dem Kopf -und der war auf 50km programmiert.
Nun lag das schönste Stück der Strecke vor mir - über einen ehemaligen Bahndamm hinunter nach Floh Seligental.
















Dieses enge Tal mit der wunderschönen Brücke hatte mich bereits im letzten Jahr fasziniert und ich genoss dieses Stück einfach nur noch. Auf den letzten Kilometern schien dann die Sonne erbarnungslos, so daß ich meine Jacke wieder auszog und Angela mitgab, die zur Wechselstelle vor fuhr und mit Achim den Rucksack umpackte.
Ich war allein mit mir und meinen Gedanken und freute mich einfach nur noch auf den Wechsel. In mir stieg das Glück auf, daß ich es schaffen würde, daß ich nicht aufgegeben habe.
Plötzlich war es soweit, ich konnte links abbiegen und auf den Sportplatz von Floh Seligental laufen - dort stand Achim, der 2. Läufer des Teams "Running Old Turtles" und wartete auf seinen Start.
Ich übergab ihm den Chip, wünschte alles Gute und lag allen, die auf mich gewartet haben, in den Armen. Ich war einfach nur glücklich, glücklich, glücklich.... Bereits jetzt begann ich an meinem Schwur zu zweifeln...    Ganz besonders freute ich mich, als ich Franky sah, der verletzungsbedingt auf einen Start verzichten mußte und dem es bestimmt sehr weh tat, nicht starten zu können.

Nun war Achim unterwegs. Kurz nach mir kam ein 100km Läufer, den ich bereits am Vorabend kennengelernt, dessen Name ich aber leider wieder vergessen habe.  Er war schon älter - und so gut drauf! Ihm war es egal, wann er ins Ziel kommt, für ihn gab es nur das Ziel: ankommen. Überhaupt habe ich gemerkt, daß es vielen Ultraläufern nicht um Zeiten geht.
Als ich diesem Läufer ezählte, daß für mich jetzt Schluß sei, lächelte er und fragte mich, ob ich den Bamnbinilauf mitgemacht hätte.... Dann zog er weiter auf noch einmal 50km....

Nach einer erfrischenden Dusche fuhren wir weiter zu den  Verpflegungspunkten in Tambach Dietharz und Finsterberg, um Achim beizustehen. In Tambach Dietharz wurde er begrüßt als 2. Läufer der "dynamischen jungen Schildkröten" - einer sehr freien, aber nette Übersetzung der Running Old Turtles...
 
















In Finsterbergt traf ich auch auf Kolibri, dem Waldläufer und einige andere Streakrunner. Überhaupt geht es hier fast schon familiär zu. Ultraläufer laufen und leiden gemeinsam....
Achim lief hervorragend, auch wenn ihm die Hitze, die nun erbarmungslos zuschlug, zu schaffen machte.
Heike, Rainer und ich fuhren nun zum Ziel und warteten auf ihn.
In Fröttstädt erwartete uns eine stimmungsvolle Atmosphäre. Nach und nach kamen die Läufer ins Ziel. Jeder Einzelne wurde willkommen geheißen. Kinder warteten auf ihren Papa oder den Opa, um mit ihm gemeinsam durchs Ziel zu laufen - Gänsehaut pur.
Mein Laufshirt war inzwischen getrocknet, so daß ich es wieder anziehen konnte. Gemeinsam mit Achim und Angela wollte ich durchs Ziel laufen und selbst diese einmalige Atmospäre spüren.
Mit meinem Klapstuhl begab ich mich an den Beginn des Zieleinlaufes, setzte mich in die Sonne und wartete. Von hier aus konnte ich ein Stück die Strasse hinaufsehen, um ihn rechtzeitig zu entdecken. Angela hatte bereits angerufen, und uns mitgeteilt, daß er die letzten 5km in Angriff genommen hat.
Obwohl es gar nicht  lange gedauert hat, schien es mir eine halbe Ewigkeit, bis Achim um die Ecke bog.
Gemeinsam liefen wir dei letzten 100m, hinein ins Ziel: Achim, Angela und ich. Es war ein berührender Moment. Unsere Staffel, die "Running Old Turtles" waren im Ziel und ich hatte meinen ersten Ultra geschafft! In diesem Moment wußte ich, daß dies nicht mein Letzter sein würde.  Beim nächsten Mal werde ich ein wenig anders herangehen, ich habe mein Lehrgeld bezahlt.


Wir liesen den Abend gemütlich vor unserem Zelt ausklingen, tankten Kalorien und quatschten über Gott und die Welt.
Es war ein wunderschöner Tag und ich möchte allen danken, die zum Erfolg unserer Staffel beigetragen haben: Angela, die sich magatapfer auf dem Rad gehalten hat und uns eine große Stütze war, Rainer und Heike, die sicher die Wechselstellen  und Verpflegungspunkte angesteuert haben und Axel, der viele tolle Fotos geschossen hat.
Hier findet ihr noch viele weitere Fotos, auch Heike hat wunderschöne Fotos gemacht, die ihr hier findet.
Müde und glücklich fiel ich abends auf meine Luftmatratze. Trotz des Lärms um mich herum fiel ich in einen komaähnlichen Schlaf...
Heute - ein Tag später - geht es mir gut. Meinen kleinen Erholungslauf habe ich schon wieder genossen.
Auf geht`s zu neuen Taten! Die Grenzen sind wohl ein wenig verschoben...

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Petra 07/14/2009 20:05

Liebe Billy,vielen, vielen Dank für deine Glückwünsche! Mittlerweile ist schon eine Woche vorbei und ich habe mich gut erholt. In der Erinnerung bleibt nur das erhebende Gefühl der letzten Kilometer - ja und ich weiß tief im Innersten: Ich werde es wieder tun! Sei ganz lieb gegrüßtPetra

Billy 07/14/2009 13:15

Liebe Petra,nun endlich komme ich dazu, Deinen langersehnten Bericht mal ganz und in Ruhe zu lesen. Im ersten Moment habe ich ja, ob der Überschrift einen Schreck bekommen und dann tüchtig mitgefiebert und gelitten. Toll, liebe Petra, wie Du es dann doch gemeisterst hast. Ganz herzlichen Glückwunsch zu dieser großartigen Leisung. Und ich bin sicher, es war nicht Dein letzter Ultra. Das hast Du ja auch selbst im Innersten schon erkannt. :)LG Billy

Petra 07/13/2009 21:14

Hallo Ika,das finde ich gut und richtig. Bei einem Lauf auch mal aufhören zu können, das ist m.E. ein Zeichen von Stärke. Es ist nur sehr schwer, diesen Punkt zu erkennen. Aber ich denke, daß man gerade beim täglich Laufen seinen Körper genau kennenlernt und spürt, wenn man kürzer treten muß. Liebe GrüßePetra

Ika 07/13/2009 21:03

Hallo Petra,danke Dir.Ich höre bewußt auf meinem Körper und habe auch schon Läufe abgebrochen, wenn ich merkte, es geht grade nicht gut.Liebe GrüßeIka

Petra 07/12/2009 19:01

Hallo liebe Ika,vielen Dank für deine Glückwünsche! Ja, ich hätte es noch vor wenigen Jahren auch für wahnsinning gehalten, 50 km  zu laufen. Heute glaube ich, daß alles schaffbar ist. Aber man muß es langsam angehen und seinem Körper die Zeit lassen, die er braucht. Deshalb möchte ich Dich bitten: Lass es langsam angehen. Genieße die 10km und wenn es mal mehr wird, freue Dich darüber.  Bei mir hat es 4 Jahre gedauert, bis ich im Kopf bereit war für diese lange Strecke.Lass es ruhig angehen und höre immer auf Deinen Körper! Steigere die Länge Deiner Strecken immer Stück für Stück und nie zuviel auf einmal Ich wünsche Dir alles Gute für Deine Ziele und bleib vor allem gesund!Liebe GrüßePetra