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Veröffentlicht von Petra

"Ob der Philipp heute still
Wohl bei Tische sitzen will?"

Wer kennt sie nicht, die Verse vom Zappelphilipp? Genau einem solchen Zappelphillipp durfte ich heute auf der Heimfahrt im Zug gegenübersitzen. Interessiert beobachtete ich das Szenario: Unser Phillipp (er heißt natürlich nicht wirklich so) saß unruhig auf seinem Sitz, das Handy in der Hand und spielte damit herum. Immer wieder stieß er seinen Vater mit den Beinen, was diesem natürlich mißfiel und er lautstark schimpfte. Gegenüber saß die Frau Mama und versuchte zu schlafen. Phillipp gelang es außerordentlich gut, dies zu verhindern. Papa versuchte, sich beim Lesen nicht stören zu lassen, das Buch schien sehr interessant.

Er gaukelt
Und schaukelt,
Er trappelt
Und zappelt
Auf dem Stuhle hin und her.
"Philipp, das missfällt mir sehr!"


Naja, in der Bahn bestand zwar nicht unbedingt die Gefahr, daß der Stuhl umkippt, aber das war nicht Phillipps Verdienst, sondern einfach der Tatsache geschuldet, daß die Bänke fest mit Wand und Boden verbunden waren.
Phillipp war mittlerweile zappelnderweise damit beschäftigt, Faxen ins Handy zu machen und diese dann auf Video zu filmen.
Zwischendurch Ermahnungen, Ermahnungen, Ermahnungen....und dann wieder Papas Blick ins Buch. Man merkte, daß der Junge nicht ausgelastet war.
Ob die Eltern schonmal draussen mit dem Kind getobt haben? Gerannt, gelaufen, gehüpft sind, bis er totmüde abends ins Bett fällt?
Ich höre die Eltern schon schreien: Wie soll das gehen? Im Zug muß er schon mal stillsitzen!
Ja, das ist wahr. Im Zug kann man nicht die  ganze Zeit rum turnen.
Aber draussen, in der Freizeit, da muß sich unsere Jugend bewegen. Nicht nur beim Sportunterricht, sondern in der Freizeit. Es muß ja nicht das altmodische "Räuber und Gendarm sein", es gibt bestimmt andere Spiele, die heute "in" sind.
Aber meist fallen den jungen Leuten heute nur Computerspiele ein. Bewegung an der frischen Luft wird zur Randerscheinung.

Irgend etwas läuft schief in unseren Familien, in den Schulen, in der Gesellschaft.
Bereits mit 6 Jahren werden die Kinder an den Stuhl "festgenagelt". Stillsitzen wird zu Norm, Sportunterricht fällt mehr aus, als das er stattfindet und das Kind verlernt, sich zu bewegen, wird immer dicker und bewegt sich noch weniger.

Der Kreislauf beginnt. Ein verheerender Kreislauf von Übergewicht , Diabetes, Blutdruck, Schlaganfällen, Herz-Kreislauferkrankungen, der schließlich zu einer geringeren Lebenserwartung führt. Die Gesundheitsmaschinerie freut sich, weil sie mit ihren Pillen viel Geld verdient.

Es ist beängstigend, diese Entwicklung. Es wäre so einfach, sie aufzuhalten.
Und: es würde nichts kosten. Man muß eigentlich nur das tun, was die Natur für die Menschen vorgesehen hat. Man muß sich bewegen - und zwar täglich. Dabei ist es egal, ob man läuft, walkt, radelt oder was auch immer. Hauptsache man tut es. Das sehen dann auch die Kinder, die ihren Eltern gern nacheifern. Mama und Papa sind doch das große Vorbild.

Nach dem Tischtuch greift er, schreit.
Doch was hilft's? Zu gleicher Zeit
Fallen Teller, Flasch und Brot.
Vater ist in großer Not,
Und die Mutter blicket stumm
Auf dem ganzen Tisch herum.


Unser Phillipp auf dem Platz gegenüber hat inzwischen die Cola umgekippt, die sich gleichmäßig auf dem Boden und dem Sitz verteilte und alles zum Kleben und die Mama zum Schimpfen brachte.
Papa mußte seine Buchlektüre kurzzeitig unterbrechen, um die Colaspritzer notdürftig abzuwischen, seinen Unmut zu äußern und Phillip rigoros mit Stubenarrest zu bestrafen.
Na prima, denke ich, da wird Phillipp sich ja freuen. Da braucht er sich wenigstens nicht bewegen und kann den ganzen restlichen Tag weiter mit dem Handy oder am Computer spielen - und wird voraussichtlich weiter nerven.

Nein - nicht jedes Kind ist solch ein Zappelphillipp. Aber es gibt beängstigend viele.
Und die Gesellschaft hilft. Wozu gibt es Kinderpsychologen? Die verschreiben dann die eine oder andere Pille - und schon ist wieder alles gut.

Wirklich? Was tun wir unseren Kindern an?

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Beate 10/14/2008 08:39

Hallo Rolf, wir haben hier in Seligenstadt eine ganz tolle Erziehungsberatungsstelle. Sie hat einen sehr guten Ruf und nur einen einzigen Nachteil - man braucht viel Geduld, denn die Fachleute dort sind chronisch überlaufen und man muss mit Wartezeiten von etwa vier Monaten rechnen. Das ist natürlich hart, wenn man wirklich Probleme hat. Ich wusste das auch nicht, dass Psychologen keine Medikamente verschreiben dürfen. Interessant. Als meine Kinder noch klein waren (ca. 1 und 2 1/2 Jahre alt) hatte meine Tochter oft Bauchschmerzen. Der Kinderarzt schickte mich mit den Kindern zu einem Psychologen, der in nur zwei Sitzungen rausbekam, dass und wie es an mir lag (grob gesagt, ich kam mit der Belastung nicht klar). Er gab mir einfache Tipps und es wirkte. Denn wenn man erstmal weiß, woran es liegt, kann man daran arbeiten. Das Problem ist, für jeden guten Beruf muss man eine Ausbildung machen, Mutter wird man einfach so. Klar, es gibt Bücher, aber die haben mir eigentlich nie wirklich geholfen. Als Problem fand ich damals wie heute, dass es offensichtlich für viele Menschen nach wie vor eine Schande ist, einen Psychololgen oder Psychiater aufzusuchen. Man zögert doch auch nicht, zum Zahnarzt zu gehen, wenn's weh tut. Wo ist denn da der Unterschied? Arzt ist Arzt!Liebe Grüße, Beate

Petra 10/13/2008 22:19

Hallo Rolf,vielen Dank für Deine interessanten Informationen. Das war mir  gar nicht alles so bewußt. Aber das ist wirklich fatal, wenn nur das Individuum behandelt werden darf und nicht die familiären Beziehungen. Das ist wirklich ein total falscher Ansatz, der letztendlich zu vielen Fehlentscheidungen führen dürfte, oder?Danke für den Webseiten Tip - die Seite werde ich mir mal genau ansehen, ebenso wie Deine Seite.LGPetra

Methusalem 10/12/2008 23:52

Hallo Petra,Medikamente zu verschreiben ist Sache des Arztes, dazu ist ein Medizinstudium erforderlich. Psychiater sind Fachärzte und werden sehr oft mit Psychologen verwechselt... im Idealfall arbeiten beide Berufsgruppen zusammen. Leider wird zu oft viel zu schnell an Medikamente gedacht, auch dort, wo es bewährte und anerkannte Therapieverfahren gibt, etwa bei Ängsten und Depressionen. Meine Erfahrung ist, dass sich auch psychosenahe Zustände psychotherapeutisch behandeln lassen - dann können Medikamente langsam reduziert werden. Zu meiner Zeit wurde die Erziehungsberatung als "Ausbildung ins Nichts" kritisiert und deshalb durch den Schwerpunkt "Klinische Psychologie" ersetzt. Soweit ich informiert bin, gibt es auch den Diplomstudiengang nicht mehr - wenn es nur noch Bachelorstudiengänge mit 6 Semestern gibt, ist das Breitbandstudium, so wie ich es noch machen konnte (insgesamt 16 Semester) nicht mehr möglich. Ich denke, dass Erziehungsfehler so alt sind wie die Menschheit selbst... heute wird eben mehr zum Thema gemacht, für viele Dinge wurden Begriffe erfunden, um dem Problem einen Namen zu geben... aber das Bewusstsein ist immer noch irgendwie im Mittelalter hängengeblieben... bei allen möglichen Fragen ist es völlig normal, Rat und Hilfe zu suchen, nicht aber, wenn es um Erziehung geht. Das Schwierige ist - in der Pädagogik gibt es eben auch verschiedene Richtungen, viele Dinge sind Auffassungsfragen. Noch ein Problem: die Familientherapie, ein sehr interessanter Ansatz, ist nicht als wissenschaftlich anerkannt, wird deshalb von den Kassen nicht finanziert. Das ist eine Katastrophe, denn Erziehung vollzieht sich in Beziehungen - behandeln darf man aber nur das Individuum... ein fataler Fehler. Angemessene Umgangsformen können eine Menge bewirken, das Problem nur beim Kind zu suchen und dann zur Beruhigung Ritalin zu verordnen, das ist einfach nur eine Katastrophe. ... Ich könnte da noch stundenlang weitererzählen... lasse es aber mal dabei fürs Erste. Immerhin ist es erfreulich, dass manche über solche Dinge nachdenken... vielleicht bewegt sich dann etwas, langfristig. Die Seite von Stangl-Taller ist übrigens eine wahre Fundgrube... da steckt unglaublich viel drin.Liebe GrüßeRolf alias Methusalem

Petra 10/12/2008 19:41

Hallo Methusalem,vielen dank für Deinen interessanten Beitrag. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, gibt es den Schwerpunkt "Erziehungsberatung" im Fch Psychologie nicht mehr. Das ist sehr schade, weil es eigentlich bitter nötig ist. Warum wurde das denn abgeschafft?Wenn der Psychologe keine Medikamente verschreibt - wer macht es dann? Ich dachte immer nur Psychologen dürfen Psychopharmaka verschreiben, weil sie m.E. die Komnpetenz dazu haben.. Aber vielleicht liege ich da falsch...Ich glaube, der Vater in der Geschichte war einfach nur froh, wenn er ungestört lesen konnte. Die Interessen des Kindes waren ihm ziemlich egal. Aber was ich mich immer wieder frage: Ist das jetzt eine Erscheinung der Gegenwart oder gab es früher auch schon so fatale Entwicklungen in der Erziehung?Übrigens: Ich  gehöre nicht zu denen, die denken, alle Psychologen würden eine Macke haben... Liebe Grüße Petra

Methusalem 10/12/2008 19:27

...ein interessantes Thema, aber an einer Stelle möchte ich doch mal korrigieren... Psychologen verschreiben keine Medikamente. Als einer der letzten hatte ich 1992 mein Diplom im Fach Psychologie mit dem Schwerpunkt "Erziehungsberatung" abgeschlossen. Das hat mehr geschadet als genutzt - es gab einfach keine Stellen in diesem Bereich und ich brauchte eine Äquivalenzbescheinigung, dass mein Schwerpunkt der Klinischen Psychologie gleich gestellt war... aber das Image der Erziehungsberatung ist wohl allgemein schlecht. Dort nämlich könnten Eltern darüber nachdenken, warum ihr Kind so unruhig ist und was es für Alternativen zum Bestrafen gibt... vorausgesetzt, sie können sich vom dem Vorurteil lösen, dass Psychologen alle selbst eine Macke haben... Manchmal genügt der gesunde Menschenverstand, um zu der Einsicht zu gelangen, dass Kinder Bewegung brauchen. Möglichkeiten gibt es dazu viele... wenn man danach fragt. Hätte sich der Vater in der Geschichte gefragt, was er denn selbst als Kind gemacht hat, wäre ihm vielleicht das eine oder andere eingefallen... aber Erziehung ist ja nach landläufiger Meinung ganz einfach, das kann ja jeder... Ich für meinen Teil bin kein Freund von schnellen Lösungen mit Medikamenten. Die Frage nach der gesunden Entwicklung... gefällt mir wesentlich besser.