Freitag, 15. august 2008
5
15
/08
/2008
17:51
-
veröffentlicht in: Was mich sonst noch bewegt
Ich habe heute zu meinem
Artikel "Olympische Spiele in Peking - am Rande notiert " einen Kommentar von
Etzelmania erhalten, der mich echt nachdenklich gemacht hat und der es mir wert ist, in einem eigenen Artikel diskutiert zu werden.
Hier Etzelmanias Kommentar auf meine Bemerkung, daß es ein Fehler war, die olympischen Spiele nach China zu vergeben:
"Sorry, ich muss Petra da doch mal deutlich widersprechen. Ich finde nicht, dass es ein Fehler war, die Spiele nach China zu vergeben. War es ein Fehler, 1980 die Spiele nach Moskau zu vergeben,
weil die UdSSR nach Afghanistan einmarschierte? War es ein Fehler, Spiele in die USA zu legen, die einen jahrzehntelangen Krieg in Vietnam führten und nun in Afghanistan oder Irak dasselbe machen
wie die Russen damals? (Weitere Beispiele ließen sich problemlos in der Geschichte finden. Und klar haben die Russen damals Afghanistan unterdrückt und jetzt wird es von uns befreit.)
China macht genau nichts anderes, als alle anderen Länder auch, die olympische Spiele ausrichten. Die Chinesen möchten der Welt beweisen, dass sie dazu in der Lage sind, so ein Sportereignis
durchzuführen und ringen um Anerkennung in der Welt. Das ist erst mal legitim. Dass teilweise (für uns) seltsam anmutende Dinge passieren, finde ich auch nicht in Ordnung und die verurteile ich
auch.
Aber trotzdem hat China mit den Spielen die Chance, sich der Welt zu öffnen. Das hat die Welt ja auch jahrzehntelang lautstark gefordert. Dass aber jede Pressetante, jeder Rundfunkreporter, jeder
Fernsehmoderator der Meinung ist, er könne festlegen, welche Politik China zu machen hat, finde ich meilenweit daneben.
Nebenbei, ich gucke auch kaum was von den Spielen. Die Eröffnung z.B. habe ich teilweise gesehen. Wenn ein Kommentator bei so einem wirklich ganz toll gemachten Ereignis in jedem 2. Satz das Wort
Menschenrechte und in jedem 4. Satz das Wort Doping verwendet, finde ich das nur noch daneben. Der Sport findet im Fernsehen kaum statt. Es ist Kriegsberichterstattung mit allen Mitteln der dazu
gehörenden psychologischen Beeinflussung. Anders kann man das nicht nennen. Und warum das alles? Die Chinesen machen eine andere Marktwirtschaft, als sich das die Europäer oder die Amerikaner
vorstellen, und das auch noch erfolgreich. Das macht uns Angst, vielleicht sogar berechtigt. Wer will schon, dass Siemens in ein paar Jahren eine chinesiche Firma ist? Oder VW? Deshalb wird in der
Berichterstattung alles, aber auch alles pedantisch unter die Lupe genommen und jedes noch so kleines Detail hämisch ausgeschlachtet. Tolle Medienfreiheit!
Die Leidtragenden sind wie in Moskau oder Los Angeles die Sportler, auf deren Rücken politische Machtspielchen ausgetragen werden, die ihre Leistungen zur Nebensache werden lassen.
Hinzu kommt, dass offensichtlich die chinesischen Sportler doch ganz gut zu sein scheinen. Natürlich nur scheinen, weil solche Leistungen natürlich NUR mit Doping erreicht werden können. Oder etwa
nicht? Könnte vielleicht auch eine völlig andere Sportförderung als in Deutschland die Ursache sein? (Dumme Frage, Deutschland ist unfehlbar.)
Der Gipfel war vorhin ein Interview mit Michael Johnson, bei dem sich ein Johannes B.Kerner nicht entblödet hat, ihn danach zu fragen, ob er gedopt habe, weil sein 400m-Weltrekord seit einigen
Jahren Bestand hat. Und für solche Instinktlosigkeiten zahle ich auch noch Rundfunkgebühren!
Habt Ihr Euch mal überlegt, das Ihr vielleicht auch nur wegen dem doofen Gequatsche bei JEDER Übertragung keine Lust mehr habt, Euch das anzutun? Weil es Politikshow aus der untersten Schublade und
keine Sportberichterstattung ist?
So, nun könnt Ihr meinen Beitrag in der Luft zerfetzen. ;-) Kann mich allerdings die nächsten 3 Tage nicht wehren. Ich hoffe, dass auf dem Highfield wirklich Rockmusik im Vordergrund steht und mich
außer den SPORTfreunden Stiller nichts an Sport erinnert. Höchstens vielleicht die Ergebnisse der Bundesliga, denn da gibt's ja nun wirklich kein Doping. (Ob Johannes beim nächsten Interview Jürgen
Klinsmann fragen wird, ob er gedopt hat, weil er 'n paar tore für die Nationalmannschaft geschossen hat?)
Bis Montag verabschiedet sich von Euch mit ganz
LG etzelmania
Auch wenn Etzelmania sich erst mal für die nächsten Tage verabschiedet hat, möchte ich hier schon mal meine Meinung dazu kundtun.
Mich hat dieser Kommentar genau wie
Sonne sehr nachdenklich gemacht. Da ist bestimmt auch einiges dran. Klar - unsere Medien haben riesigen Einfluß auf die
Meinungsbildung in Deutschland, was sie auch reichlich nutzen. Aber trotzdem gehört auch zu unserer Meinungs- und Pressefreiheit, daß jeder Journalist offen seine Meinung vertreten darf. Damit
müssen wir umgehen (lernen). Das ist vor allem dann nicht ganz einfach, wenn man selbst eine andere Meinung hat.
Das ist mir tausendmal lieber, als ein "verordneter Maulkorb" oder künstliche "Firewalls", die bestimmte Berichterstattungen gar nicht erst zulassen. Solch eine Firewall ist im chinesischen
Internet errichtet. Das heizt die Diskussionen zusätzlich an. Journalisten aus der westlichen Welt sind es halt nicht gewöhnt, in irgendeiner Form eingeschränkt zu werden.
Andererseits werden solche Machenschaften, wie das Doublen der kleinen Sängerin eben nicht großartig in den Medien "hochgespielt", ich finde sogar eher "geduldet". Das finde ich noch heftiger.
Findet das wirklich keiner so schlimm wie ich? Vielleicht, weil auch in anderen Ländern Kinder keine Lobby haben? Vielleicht, weil auch in Europa Schönheit über alles geht? Wichtiger ist, als die
Leistungen, die man erbringt?
Das Thema Doping ist m.E. kein China-typisches Phänomen, sondern ein weltweites Problem des Sports, welches letztendlich auch wir Zuschauer mit zu verantworten haben. In unserer
"Leistungsgesellschaft" existiert nur Platz für die Sieger. Jeder, der nicht gewinnt, ist ein Versager. Ich denke dabei an einige "Überschriften" in unserer Presse in den ersten Tagen der
Olympiade, als für Deutschland noch kein Medaillensegen niederprasselte.
Die Häme hat mich genervt. Und wenn in diesem Zusammenhang chinesische Sportler des Dopings bezichtigt werden, finde ich das genau wie Etzelmania auch daneben.
Erst wenn wir wieder anfangen sollten, den Verlierer genauso zu respektieren wie den Gewinner, haben wir vielleicht eine Chance gegen das Doping. Aber das ist wohl purer Idealismus.
Für mich ist jeder Olympiateilnehmer ein Gewinner. Immerhin muß man es erstmal soweit bringen.
Allerdings sollte uns das nicht daran hindern, den Ursachen auf den Grund zu gehen, warum wir in einst so erfolgreichen deutschen Sportarten heute sooo hinterherhinken. Hier hat es der
Hönower auf den Punkt gebracht. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Und in noch einem Punkt muß ich Etzelmania recht geben: Man solte China wirklich die Chance geben, zu beweisen, daß sie in der Lage sind, ein solches Ereignis auf die Beine zu stellen. Und trotzdem
muß man die Mißstände, die es dort gibt, ansprechen und darf sie nicht totschweigen. Vielleicht sollten hier unsere Journalisten hier ein wenig mehr Fingerspitzengefühl an den Tag legen. Die
Leidtragenden sind die Sportler aus aller Welt.
Neueste Kommentare