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Veröffentlicht von Petra

Ich bin wieder zurück vom Rennsteig - vollgeladen mit Emotionen, Erlebten, Freude - einfach rundum glücklich!
Meinen Bericht könnt ihr bald hier auf meinen Blog lesen und auch ganz viele Bilder sehen.
Jetzt möchte ich aber erstmal Holger zu Wort kommen lassen. Er ist mit uns
"auf`s Ganze" gegangen und hat mir heute einen Bericht geschickt - über seine Beweggründe und Motivation, nochmal einen Marathon zu versuchen.
Ich habe beim Lesen Gänsehaut bekommen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn viele diesen Bericht lesen und vielleicht auch einen Kommentar hier schreiben würden - für Holger!
Ich möchte mich ganz herzlich bei Holger bedanken, daß er mir gestattet hat, diesen Bericht zu veröffentlichen.


17.05.08
Der Weg nach hinten
Noch stehe ich ganz unter dem Eindruck des heutigen Laufes, nebenbei bemerkt, meines zehnten Marathons auf dem Rennsteig. Es war der bisher langsamste Marathon meines Lebens. Warum er dennoch eine besondere Bedeutung für mich hatte – um das zu verstehen, muss ich euch ein bisschen mehr von mir verraten.
Ich laufe seit 1985 und 1986 lief ich das erste Mal auf dem Rennsteig. Seitdem beherrschen mich dieser Lauf und die Herausforderung, den Körper so zu trainieren, dass er eine derart lange Belastung gut durchsteht. Nach und nach kam der eine oder andere Stadtmarathon dazu und auch die Gier, bestimmte Zeiten zu laufen. Ich muss dazu sagen, dass ich ein reiner Freizeitsportler bin, mit Sicherheit nicht für Höchstleistungen gemacht, aber immer gerne dabei, ob es Laufen oder Fitness ist – der Spaß an der Bewegung als Ausgleich zur Arbeit stand eigentlich stets im Vordergrund. Ich konnte mich immer daran freuen, einen Lauf gut zu beenden und das vielleicht noch eine Minute schneller als im Vorjahr. Das war früher okay.
Der oben genannte Wunsch nach Leistungssteigerung führte ab 2006 dazu, dass ich mich verstärkt mit Trainingsplänen, Leistungsdiagnostik und Ähnlichem beschäftigte. Der Berlin-Marathon 2006 sollte der große Tag werden, an dem ich die 4-Stunden-Marke knacken wollte. Ich hatte es ein Jahr zuvor ohne besondere Pläne nur um drei Minuten verfehlt, nun sollte es mit einem „Schlachtplan„ klappen. Auf Teufel komm raus wurde der Trainingsplan umgesetzt, egal, wie es mir körperlich ging, verbissen und korrekt habe ich alles gemacht, was da stand.
Dazu kamen wachsende Belastungen im beruflichen und privaten Umfeld. Ich habe überhaupt nicht bemerkt, wie ich meinen geliebten Laufsport nicht mehr als Ausgleich zum beruflichen Stress und zur Gesunderhaltung betrieben habe, sondern den Sport als Dogma, als zusätzliche Pflicht, vielleicht sogar als Fetisch missbraucht habe. Kurz gesagt, die Zeit in Berlin schaffte ich nicht, der Kopf war total blockiert und nach dem Marathon reagierte mein Körper mit kompletter Leistungsverweigerung. Beim Joggen im leichten Trab war der Puls nach einer Minute bei 180, ich bekam kaum Luft. Manchmal stand ich am Anfang meiner Laufstrecke und mein ganzer Körper schrie innerlich: „Nein!„ – kein Schritt ging, ich bin oft trotz festen Vorhabens ohne einen einzigen Schritt wieder heimgefahren.
Im Winter 2006/2007 bekam ich scheinbar eine Erkältung mit nicht enden wollendem Husten. Kein Antibiotikum half, nichts. Der Lungenarzt diagnostizierte am Ende Asthma! Nie im Leben hatte ich so etwas wie Asthma! Was den Doc allerdings wunderte – keines der Medikamente zeigte Wirkung!
Zum Glück wusste einer der vielen Ärzte, dass Krankheiten auch psychosomatische Ursachen haben können und verfolgte diese Annahme. Damit kamen wir meinem Problem endlich auf die Spur. Ihr wisst es vielleicht: Die Summe aller Belastungen, die auf einen Menschen wirken, an deren Ende „gar nichts mehr geht„, nennt man Burn-Out-Syndrom.
Das Problem ist, es zu erkennen und so gingen eben mehrere Monate ins Land, bis ich dagegen etwas tun konnte. Medikamente zeigten zwar insofern Wirkung, dass in kurzer Zeit die Asthma-Symptome verschwunden waren, hatten aber gravierende Nebenwirkungen. Antriebslosigkeit und Gewichtszunahme waren die schlimmsten. Ich hatte tatsächlich geglaubt, mit Hilfe der Medikamente kann ich weitermachen wie bisher, immer volle Pulle, beruflich, privat, sportlich … Ein weiterer Irrtum! Dann kippte die Stimmung in die andere Richtung – ich kam mir extrem minderwertig vor, erst Power überall, nun die Situation, dass ich sportlich überhaupt nichts mehr konnte und es am besten sein lassen sollte. Erst ein mehrwöchiger, stationärer Aufenthalt in einer psychosomatischen Reha-Klinik Ende 2007
brachte die Wende und dazu eine Menge lebenswichtiger Erkenntnisse für mich. Ich lernte neu, mich auch an kleinen Dingen und scheinbar unbedeutenden Leistungen zu freuen. Ich war plötzlich stolz, nach der langen Zeit wieder fünf oder zehn Kilometer durchzuhalten, langsam und gemütlich, das hätte ich mir früher nie träumen lassen!
Ich schreibe euch das alles so offen und ausführlich, weil ich den einen oder anderen vor diesen Erlebnissen bewahren möchte. Ich rate euch bei allem Ehrgeiz – überprüft immer mal zwischendurch eure Motivation! Ihr müsst rechtzeitig erkennen, wann ihr möglicherweise beginnt, den Sport um seiner selbst Willen zu betreiben! Dann ist Vorsicht geboten. Der Grat zur Sucht ist schmal und der Weg zurück mühsam.
Ja, und nun war ich doch wieder beim Rennsteiglauf und bin den Marathon gelaufen! Ich gebe zu, es war eigentlich nicht meine Absicht. Ich hatte nach meinen vielen neuen Erkenntnissen beschlossen, für den Halbmarathon zu melden und hatte das auch schon erledigt. Eigentlich als Training dazu habe ich am 32 km-Trainingslauf der Aktion „Aufs Ganze" teilgenommen. Dort lief ich locker am Ende des Feldes und hatte Gelegenheit, mich ausführlich mit Frank und Petra zu unterhalten. Petra hat das übrigens sehr schön in ihrem Blog  reflektiert.
Beide bestärkten mich in dem Gedanken, dass auch das Bezwingen einer langen Strecke schon Leistung genug ist und dass es möglich ist, einen langen Lauf auch zu genießen und ohne Zeitdruck zu absolvieren. Als der 32 km-Lauf dann auch wider Erwarten gut verlief, reifte der Entschluss, es doch mit dem Marathon zu versuchen. So kam das und heute bin ich gemeinsam mit Frank und Petra einen Großteil der Strecke gemeinsam gelaufen. Wir halfen uns gegenseitig voran, kämpften mit kleineren Wehwechen und am Ende liefen wir lächelnd ins Ziel – so wie es sein soll. Die Zeit von knapp 6 Stunden habe ich eigentlich nur am Rande registriert. So kam ich zu meinem langsamsten Marathon, aber vielleicht zu meinem wertvollsten. Danke euch beiden!

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Birgit 06/11/2008 17:06

Hallo Holger und Petra,
erstmal HUT AB für Holger vor deiner Leistung und Einstellung - der Rennsteiglauf vereint in sich so viele Geschichten und Schicksale, man kommt dabei wieder "runter" und die eigenen Probleme werden kleiner... deine Erfahrungen gehen mir unter die Haut, eigentlich wünschte ich, du hättest sie so nicht machen brauchen. Schön, dass du mit deinem Marathon so zufrieden bist.
Mein Mann ist auch ein jahrelanger Wiederholungstäter beim Rennsteiglauf (mal Supermarathon, mal Marathon) und eigentlich bin ich zum Rennsteiglauf über das zum Start bringen und Abholen gekommen (HM) und dann letztes Jahr 8 Wochen nach dem Kasselmarathon der Schock: Herzinfarkt am ersten Urlaubstag..., keiner hätte damit gerechnet, am wenigsten er selbst! Entsprechend stolz sind wir auf unseren gemeinsamen Rennsteiglauf-Marathon in diesem Jahr: Mein erster und sicher nicht letzter. Sein langsamster aber entspannt ohne Probleme geschaffter. Der I-Tupfen war dann der gemeinsame Zieleinlauf mit Freude im Gesicht!
Ich wünsche allen noch viele schöne Lauferlebnisse und die Erkenntnis, dass Zeiten und Platzierungen nicht vordergründig sind!
LG Birgit

Klaus 05/31/2008 23:10

Hallo Petra, hallo Holger,

zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum Finish beim Rennsteigmarathons!

Vielen Dank für den Bericht! Er macht schon ein bisschen wach... danke dafür. Ich kann da nur zustimmen. Laufen sollte nicht nur immer daraus bestehen, wie kann ich eine Strecke in kürzester Zeit zurücklegen und nur die Zeit ist wichtig. Es gibt viel andere schöner Erlebnisse auf der Strecke, die man mit nur schnell laufen verpasst.

Alles Gute und viele weitere schöne Läufe!
Klaus

joghie 05/29/2008 23:16

Hallo Holger,
ich danke Dir von ganzem Herzen für Deine Ehrlichkeit und den Blick hinter die Kulisse in Deinem Bericht.
Der Weg zurück - zu der Schönheit Laufen und die Schöpfung genißen - war für mich ... nicht mühsam (leistungsgeil wie ich war, hätte ich jede Mühe auf mich genommen!), sondern UNMÖGLICH, nämlich eine mentale Vollbremsung, die totale Ruhe, die ich mir selbst nicht mehr gegönnt hätte. Konnte einfach nicht mehr abschalten.
Ich bin zum Glück in den Harz gezogen, hab einen neuen Lebensabschnitt begonnen. Hier habe ich langsamen langen Landschaftslauf für mich entdeckt. Die Hammer-Zeiten aus dem Flachland um Berlin interessieren mich da überhaupt nicht mehr.
Ich habe eine Verabredung mit mir selbst, um ganz bei mir zu sein, ein- oder zweimal die Woche. Da freue ich mich schon lange vorher drauf. Da einmal davon ein Ultramarathon in der Pampa selbstverpflegt ist, der in seiner Langsamkeit einen ganzen Tag dauern kann, nenne ich diesen Tagesausflug mittlerweile
"ein Stück Ewigkeit tanken" und freue mich wie ein Kind an allem, was mir begegnet. Zeit, die Augen ganz neu zu öffnen.
Ich wünsche Dir viel Frieden in Deinem Leben - und dass Du es immer wieder findest, was Dich ausgleicht. Auch beim Laufen.
Was dort als Burnout diagnostiziert wurde, ist eigentlich eine post-traumatische Belastungsstörung (PTBS), wobei das Trauma unterbewusst durch das im Erschöpfungszustand noch knallhart durchgezogene Training hervorgerufen wurde. Daher verfiel der Körper sofort in Panik, alle Systeme auf Verweigerung. Noch vor dem ersten Schritt kalter Schweiß.
Psychotherapie ist da sehr geeignet, dieses Trauma und die Blockade zu überwinden.
Dein gemeinsamer Marathon war das beste, was Du "sportlich" tun konntest. Laufen muss im Gehirn wieder positiv besetzt werden, gönn Dir ab und zu mal ein Schmankerl, sieh es als Deinen Wellness-Urlaub, und wenn es nur für ein kurzes Läufchen ist. Freu Dich drauf, bau es so schön wie möglich in Deinen Alltag ein.
Ich lauf am Samstag zu ner Talsperre, treffe dort Freunde, wir gehen baden, Picknicken, Blödsinn machen, Spielen, es uns gut gehen lassen - und abends lauf ich wieder heim durch wunderbare Landschaft. Vielleicht grillen wir dann zuhaus noch was.
So, genug.
Vielen Dank, Petra, dass Du den Bericht reingestellt hast.
Ein austariertes Wochenende wünscht Euch
der Joghie

Fun walker 05/22/2008 00:49

Hallo Holger,
Dein Bericht hat mich tief berührt, weil er offen und ehrlich ist und mich auch in meiner Haltung bestärkt, laufen als Ausgleich und nicht als Zwang zu begreifen ("fun walken"). Alle Achtung vor Deinem Mut, dies hier auch öffentlich zu machen.Ich wünsche Dir für die Zukunft viel Erfolg, vielleicht sehen wir uns beim nächsten Rennsteiglauf . Gruss Rainer

Petra Blohm 05/19/2008 13:03

Guten Tag Holger!
Erstmal herzlichen Glückwunsch zu Deinen Lauf.Ich finde es toll das Du den Mut aufgebracht hast,Deine Geschichte offen zulegen.Ich laufe immer nur zum Spaß ohne Zeitdruck.Wenn Du nun immer so denkst wirst Du auch immer wieder gut ins Ziel kommen. Grüße von Wega (Petra)