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Veröffentlicht von Petra

Der Unterschied zwischen einem dritten und dem letzten Platz

Es ist lange her, dass ich einen Laufbericht geschrieben habe. Aber dieser Thüringen Ultra hat mich inspiriert, endlich wieder mal meine Gedanken – davor, während und nach dem Lauf niederzuschreiben.

Es war meine 9.Teilnahme – 4 mal war ich an einer Staffel beteiligt, 5 mal habe ich den Ultra in Angriff genommen, davon 3 mal den Hunderter gefinisht. Die Strecke kenne ich mittlerweile fast wie meine Westentasche, ich kenne die Berge, weiß,  wo ich ins Fluchen komme und welche Teilstücke ich so richtig genießen kann.

Trotzdem ist jeder Lauf anders, teilweise unberechenbar. Auch wenn ich nicht unbedingt eine Schönwetterläuferin bin, mag ich Dauerregen ebenso wenig wie extreme Hitze.

Diesmal war laut Wetterbericht Dauerregen angesagt, nicht unbedingt mein Favoritenwetter. Sicherheitshalber habe ich mir 3 mal komplette Wechselwäsche an den Wechselpunkten hinterlegt – für das Fall, dass ich pitschnass nach was Warmen suche…

Los ging es allerdings erstmal mit angenehmen, trockenen 14 Grad. Pünktlich 4:00Uhr. Christel hat mich verabschiedet und auf den ersten Kilometern habe ich viele bekannten Läufer getroffen, die mich überholt haben. Noch war Zeit für einen kurzen Plausch, bis jeder in seinem Tempo weiterlief.

Bereits nach 5km war ich ein wenig unaufmerksam, was prompt dazu führte, dass ich eine Wurzel übersah… Mit aufgeschrammten Händen ging es weiter, die danach fürchterlich brannten. Aber kein Grund zum Aufhören – die Füße waren ja in Ordnung…

Die Gegend von Sontra ist wunderschön, es läuft gut und ich genieße jeden Meter. Die Thüringer Luft ist Spitze, im Wald erst recht.

Kurz vorm 3. Verpflegungspunkt in Ruhla zogen sich die Wolken zusammen und es wurde immer dunkler. Bald danach setzte der Regen ein – der bis Floh Seligental auch nicht wieder aufhörte. Es dauerte nicht lange, bis der Boden völlig aufgeweicht war. Manche Passagen zu laufen war schwierig. Meine Freundin und Radbegleiterin Angela hatte einen noch schwierigeren Job als ich. Sie musste teilweise sogar bergab schieben, weil es zu gefährlich war.

Meine Füße waren bald pitschnass, der Rest auch. Aber im Gegensatz zu meiner Erfahrung beim Mozart 100 in Salzburg, bei den ich ja nach der Hälfte dem Regen und der Kälte Tribut zollen musste, war ich diesmal etwas besser vorbereitet. Ich scheute mich auch nicht, mein Regenschutz sofort anzuziehen und nicht erst zu warten, bis ich nass bin. Trotzdem half auch der nicht über Stunden.

Das schönste Stück des TU ist für mich der Weg hinunter nach Floh Seligental – über den Mommelsteinweg und die ehemalige Bahnstrecke. Kein Wunder, es geht ja auch nur bergab :)))  Da kann man es rollen lassen. 12:15Uhr war ich in Floh Seligental und ich war froh, dass ich mich dort umziehen konnte. War das ein tolles Gefühl - endlich trocken!

Mein Ankunft hat Christel im Foto festgehalten - vielen Dank für das tolle Foto!

Das Wiederanlaufen fiel mir doch deutlich schwerer als erwartet. Ich hatte die Schuhe gewechselt und meine Goretex Trailschuhe angezogen. Ich hatte zwar bis zum Schluss keine nassen Füße mehr, aber die etwas schwereren Schuhe liesen auch jeden Schritt schwerer werden.

Ich kämpft mich hoch auf den Jobsstein. Wie hasse ich diesen unendlich langen Berg! Der will irgendwie gar nicht enden! Irgendwie wird in der 2. Hälfte der Strecke jeder Berg zum Monster… 

Aber es gibt auch wunderschöne Passagen, die mir immer wieder Kraft geben, wie z.B. das Splittertal. Hier musste ich wegen des aufgeweichten Bodens höllisch aufpassen, Angela konnte das Rad nur schieben.

Mittlerweile wurde es richtig schwer, den Berg hoch in Tambach Dietharz musste ich mich richtig quälen. In Finsterbergen setzte der Regen wieder ein. Jeder Schritt tat mittlerweile weh und es kamen die Gedanken, die dann unweigerlich kommen: Warum tue ich mir das eigentlich an? Warum laufe ich hier wie eine Bekloppte durch den verregneten Thüringer Wald?

Besonders die Strecke zwischen Friedrichroda und dem Tretbecken in Bad Tabarz  wollte und wollte einfach nicht enden. Wie lang sind eigentlich 5km? Unendlich? Muss wohl so sein. Es waren wohl die längsten 5km meines Lebens, so kam es mir zumindest vor.  Hier kam einmal kurz der Gedanke auf, aufzuhören, irgendwie war die Luft raus…

Aber nein – diesen Gedanken lies ich nicht wirklich zu. Ich wollte durchkommen, Aufgeben war keine Option. Ich glaube, dieser Willen war es, der dann die berühmten „Berge versetzte“. Am Kilometer 95, am wohl besten Verpflegungspunkt der Welt, bekam ich dann die Antwort auf die Frage, warum ich mir das antue. Schon von weitem wurde ich begrüßt, meine Radbegleiterin Angela war da und als ich ankam, wurde mir mein Musikwunsch erfüllt. Laut ertönte John Bon Jovis „Livin on a prayer“ – unter dessen Klängen und mit Angela – jetzt Laufbegleitung – begab ich mich auf die letzten 5km. Jetzt wusste ich, dass ich es geschafft habe, schaffen werde. 

Gemeinsam liefen wir beide Richtung Fröttstädt, das Ziel vor Augen. Zusammen laufen wir auf den Sportplatz, Hand in Hand überqueren wir die Ziellinie. Glücklich liegen wir uns in den Armen.

Ich erhalte direkt meinen Zeitausdruck und eine Urkunde. Ich bin die 3. meiner Altersklasse geworden – das ist doch toll, oder? Allerdings war der 3. Platz gleichzeitig auch der letzte Platz meiner AK. Aber ist das nicht vollkommen egal? Macht das einen Unterschied? Ich hab`s geschafft, bin angekommen – nur das zählt.

Nur wenige Minuten nach mir kam der allerletzte Läufer ins Ziel - empfangen mit standing ovations. Ich hatte Gänsehaut - nicht nur wegen der Kälte. Sowas erlebt man nicht bei einem Stadtmarathon, aber bei einem einem Ultra. Deshalb fühle ich mich hier wohl. Und weil ich viele Freunde treffe. 

Heute – 2 Tage danach -  bin ich unglaublich happy und stolz auf mich.  Nein – ich hätte am Samstag nicht auf der trockenen, warmen Couch liegen wollen.  Nein, und es war nicht mein letzter TU!  Einmal  noch, dann habe ich den 5. Stern. Das ist mein Ziel.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Angela und Axel für die tolle Unterstützung bedanken, ohne die ich diese 100km nicht geschafft hätte. Ein ganz herzliches Dankeschön auch an das Lauffeuer Fröttstädt für die nahezu perfekte Organisation des Thüringer Ultra 2017.

Der Unterschied zwischen einem dritten und dem letzten Platz
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